Minarett-Verbot

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Kuddel
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Minarett-Verbot

Beitrag von Kuddel » 30 Nov 2009, 20:08

Es ist gelungen. Man konnte eine weitere Spaltung der Klasse vertiefen.

UNIA drückte "großes Bedauern" aus.
http://www.unia.ch/news_aktionen.9.0.ht ... c797096212

die chfduzen.ch community bleibt sprachlos?

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lucky puke
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Re: Minarett-Verbot

Beitrag von lucky puke » 03 Dez 2009, 15:32

die chfduzen.ch community bleibt sprachlos?
Ich glaube es sind wegen diesem Abstimmungsresultat viele sprach- und ratlos über die Lage in der Schweiz. Ich persönlich hätte nie gedacht, das das angenommen wird. Obwohl jetzt im Nachhinein wohl fast mehr über die Abstimmung diskutiert und auch gestritten wird als vorher. Es gab am Sonntag und die darauffolgenden Tage in einigen Städten spontane Demos gegen das Ergebnis. Wir haben in der Schweiz wirklich ein Problem mit stark verbreiteten rechten Ansichten. Diese Trottel sehen sich oft sogar noch als Teil eines "Volkszorns" gegen den "multikulturalismus" der Regierung und der Elite. Siehe beispielsweise die Kommentarspalte zu diesem Artikel:
Applaus vom rechten Rand Europas
Rechtsgerichtete Parteien feiern Ja zur Anti-Minarett-Initiative

Das Ja der Schweizer Stimmberechtigten zur Anti-Minarett-Initiative hat in vielen europäischen Ländern Reaktionen ausgelöst. Von vielen rechtsgerichteten Parteien gab es Beifall zum Entscheid der Schweiz. In einigen Ländern Europas planen diese Parteien ähnliche Vorstösse.

(sda) Rechtsgerichtete Parteien in europäischen Ländern feiern das Schweizer Nein zu Minaretten. Ermutigt durch das Abstimmungsresultat vom Sonntag wollen nun rechte Parteien in Österreich, den Niederlanden und Dänemark ebenfalls Minarette verbieten.
http://www.nzz.ch/nachrichten/schweiz/m ... 81707.html
Zuletzt geändert von lucky puke am 04 Dez 2009, 02:37, insgesamt 2-mal geändert.
Freiheit heisst nicht, zu tun was man tun will, sonder zu wollen was man tun muss. (G. Blocher)Bild

-- gesperrt --
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Re: Minarett-Verbot

Beitrag von -- gesperrt -- » 04 Dez 2009, 02:22

Ich persönlich hatte ein schlimmes wochenende zu verkraften... :X
Erst endet die WTO-Demo in Genf in einem Desaster und dann wird einem auf einen Schlag bewusst, das der Faschismus in der schweiz am Fuss fassen ist...
Da ist man schon einwenig fassungslos... :?


Im Internet hab ich ein wirklich gutes Essay von Charles Lewinsky als Reaktion auf das Ergebnis gefunden!!!
Dies möchte ich euch nicht vorenthalten:
Eidenbenz.

Ich habe ihn erfunden. Für einen satirischen Roman. Als Musterbild eines Politikers, der mit dem Appell an dumpfe Vorurteile Karriere macht. Der auf alles losgeht, was man mit etwas Fantasie als fremd oder unschweizerisch bezeichnen kann, weil er sich darauf verlässt, dass es für den politischen Erfolg keine differenzierte Argumentation braucht, solange man nicht an die Urteils-, sondern nur an die Vorurteilskraft seiner Wähler appelliert. Weil er von Franz Josef Strauss gelernt hat, dass im Krieg der Meinungen die Lufthoheit über den Stammtischen entscheidend ist. Weil er den zentralen Lehrsatz des Populismus verinnerlicht hat: Das einfache Argument schlägt jederzeit das richtige. Diffamieren geht über Studieren.

Eidenbenz.

Ich habe ihn in einen Fortsetzungsroman für die «Weltwoche» gepackt, weil die «Weltwoche» das Lieblingsblatt aller Eidenbenze ist. Der eine oder andere Leser, habe ich mir gedacht, würde vielleicht durch diese übertriebene Figur und ihre verquere Denkweise ein bisschen in seinen vorgefassten Meinungen erschüttert. Weil Lächerlichkeit, so dachte ich, doch töten kann.

Es war eine falsche Überlegung. In einer literarischen Satire entsteht Lächerlichkeit aus dem Kontrast zwischen Erfindung und Realität. Und hier gab es diesen Kontrast nicht. Eidenbenz ist die Realität. Er hat die Mehrheit in der Schweiz. 57,47 Prozent.

Unser Land ist dabei, sich zu eidenbenzisieren.

Im Lauf des Abstimmungskampfes haben wir viele Argumente gehört, die nur ein Eidenbenz (oder sein PR-Spezialist) erfunden haben konnte. «Ich bin gegen Minarette, weil ich mich für Frauenrechte einsetze.» Einleuchtend. Weil Frauenrechte und Minarette ja dasselbe sind. So wie Fahrräder und Bratwürste. «Ich bin für die Minarett-Initiative, weil man in Saudiarabien keine Kirchen bauen darf.» Klar. Man beweist seine moralische Überlegenheit am besten, indem man das, was man verurteilt, selber tut. «Ich bin für die Minarett-Initiative, weil die Schweiz sonst islamisiert wird.» Natürlich, die verdammten Ausländer wollen unser Land übernehmen. Die U-17-Nationalmannschaft haben sie schon unterwandert. Und im Zürcher Tram werden die Stationen auch schon hochdeutsch angesagt. Wehret den Anfängen.

Wir haben den Kampf gegen diesen eidenbenzischen Pseudodenk nie wirklich aufgenommen, weil wir uns nicht vorstellen konnten, dass eine Mehrheit solche logischen Bocksprünge mithüpfen würde. Wir sind unterlegen, weil wir uns so überlegen glaubten. Weil uns das selbstgefällige Gefühl, Recht zu haben, wichtiger war als die Anstrengung, Recht zu bekommen. Wie Tom Lehrer einmal gesungen hat: «They won all the battles, but we had all the good songs.»

Und wir haben uns auf die Umfragen verlassen. Nicht bedenkend, dass man nicht jeden neugierigen Frager an seinen Stammtisch einlädt. Was dort besprochen wird, verrät man keinem Aussenseiter. Schon gar nicht, wenn er Claude Longchamp heisst.

Wir sind selber schuld. Wir haben nichts gelernt. Nicht aus den eigenen Erfahrungen und nicht aus der Schweizer Geschichte.

Denn es ist ja nicht das erste Mal, dass Eidenbenz sich durchgesetzt hat. Schon im Jahr 1893 hat er gewonnen. Damals hiess er Dürrenmatt, Ulrich Dürrenmatt, war Chefredaktor der «Volkszeitung» und Mitbegründer der Berner Volkspartei. Es gab zu seiner Zeit noch keine Muslime in der Schweiz, auf die er hätte einschlagen können, und so ging er halt auf die Juden los. Die Volksinitiative war gerade als neues In-strument in die Verfassung aufgenommen worden, und nun wurde sie zum allerersten Mal eingesetzt. Es war ein Abstimmungskampf mit heftigen antisemitischen Parolen, und am Schluss war das Schächtverbot in die Bundesverfassung aufgenommen. Mit 60,11 Prozent Ja-Stimmen. Eidenbenz' Wählerschaft scheint stabil zu sein. Von der ersten Volksinitiative bis zur jüngsten.

1893 war das. Soll einer sagen, dass in unserem Land die Traditionen nicht gepflegt werden.

1893. Damals war die Familie Schlüer noch nicht einmal eingebürgert.

Aber Sarkasmus hilft nicht weiter. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass wir in einem Land leben, in dem die 1.-August-Reden immer weniger mit der Realität zu tun haben. Die weltoffene, tolerante, alle Religionen gleich behandelnde Schweiz wird zwar noch lang in den Ansprachen verkündet werden, aber die schönen Worte gelten eben nur, solange die Höhenfeuer glühen und der Duft der Festbratwürste in der Luft hängt. Im Alltag müssen wir es hinnehmen, dass uns die Le Pens und die Wilders zu Vorbildern erklären, wir müssen damit leben, dass uns die FPÖ und die Dänische Volkspartei Komplimente machen. Wir können uns noch nicht einmal dagegen wehren, wenn Libyen – ausgerechnet Libyen, dieser von einem mafiösen Familienclan beherrschte Unrechtsstaat – von einer «religiös-rassistischen Aktion» spricht. Genau das war es ja.

Wir müssen es sogar schlucken, wenn jetzt Roger Köppel mit der triumphierenden Ironie des Siegers hämisch kommentiert: «In der Welt geht offensichtlich ein Gespenst um. Es heisst Demokratie.» Weil es nichts mehr am Abstimmungsergebnis ändert, wenn wir ihm post festum antworten: «Nein, Herr Köppel, das Gespenst heisst nicht Demokratie. Es heisst Populismus.» Das Gespenst heisst Eidenbenz.

Auch Klagen bis zum Europäischen Gerichtshof werden nichts an der Tatsache ändern, dass wir in souveräner Volksentscheidung beschlossen haben, unsere Verfassung gleichzeitig zu ändern und zu brechen. Wir müssen akzeptieren, dass die Verfassung der Schweiz am letzten Sonntag schlechter geworden ist. In jedem Sinn des Wortes.

Und wie soll es weitergehen?

Wir dürfen jetzt nicht den Fehler machen, uns darauf herauszureden, wir persönlich hätten nichts damit zu tun, denn wir hätten ja ein Nein in die Urne gelegt. Das rituelle Sich-für-unser-Land-Schämen, das in den letzten Tagen Mode geworden ist, bringt erst recht nichts. Wenn wir uns für etwas schämen müssen, dann für das Versäumnis, gegen die Eidenbenze und ihre Initiative nicht so gekämpft zu haben, wie das nötig gewesen wäre. Stehen wir nicht hochmütig beiseite, sondern bringen wir uns ein!

Wer unsere Demokratie ernst nimmt, ernster als die Leute, die jetzt schon damit liebäugeln, zur Verteidigung ihres Absolutheitsanspruchs auch noch die Menschenrechtskonvention aufzukündigen, der muss sich eingestehen: Nicht «die andern» haben das Minarettverbot angenommen, sondern wir. Wir, die Stimmbürger.

Nichts wäre falscher, als uns jetzt von den Befürwortern abgrenzen zu wollen. Kurt Tucholsky hat einmal, als in den Zwanzigerjahren die fremdenfeindliche Propaganda im Freistaat immer mehr zunahm, die Parole ausgegeben: «Reisende, meidet Bayern!» Sollen wir es ihm nachmachen und die Forderung aufstellen: «Reisende, meidet Innerrhoden?» Nur weil man sich im Halbkanton, wo es kaum Muslime gibt, so eindeutig gegen deren freie Religionsausübung entschieden hat? Dann bekommt die nächste entsprechende Initiative dort nicht nur 71 Prozent der Stimmen, sondern noch ein paar mehr.

Eidenbenz als Vorbild

Wenn wir nicht zulassen wollen, dass die Schweiz von ihren Populisten immer weiter haiderisiert wird, wenn unser Land nicht noch den letzten Rest von Glaubwürdigkeit und Ansehen in der Welt verlieren soll, dann müssen wir von den Eidenbenzen lernen. Müssen lernen, so populär zu argumentieren wie sie. Das Gespräch auf allen Ebenen zu suchen wie sie. Uns für unsere Überzeugungen einzusetzen wie sie.

«Am besten, man geht überhaupt nicht mehr abstimmen», habe ich in den letzten Tagen ein paar Mal gehört. Aber wir dürfen jetzt nicht mit angeekelter Miene abseitsstehen. Es bringt nichts, wenn wir unsere intellektuelle Entrüstung so stolz und so wirkungslos zur Schau stellen wie früher einmal das Mao-Zitat auf dem T-Shirt. Wir müssen uns einsetzen. Die Kleinarbeit nicht scheuen. In Parteien eintreten. Wenn Christoph Blocher sich neuerdings den Vietcong zum Vorbild nimmt, dann können wir auch etwas von der Protestbewegung in der DDR lernen: Wir sind das Volk. Und das Volk – ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass Bertolt Brecht mit seiner Formulierung Recht hatte –, das Volk ist nicht tümlich. Der Schweizer ist nicht an sich spiessig, fremdenfeindlich oder reaktionär. Eigentlich nicht. Ausser wenn es sich den Eidenbenzen dieser Welt ausliefert.

Eidenbenz.

Ich habe ihn erfunden, um über ihn zu lachen. Aber jetzt ist nicht die Zeit zum Lachen. Jetzt ist die Zeit, sich gegen ihn zu wehren.

-- gesperrt --
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Re: Minarett-Verbot

Beitrag von -- gesperrt -- » 10 Dez 2009, 12:31

Nochn geiles Video dazu im Inet gefunden: :mrgreen:

Chnoblöichpizza
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Re: Minarett-Verbot

Beitrag von Chnoblöichpizza » 10 Dez 2009, 12:39

Muaha! :mrgreen: Wer hats erfunden?

Und hier: Oskar Freisinger am Durchdrehen :lol:


Kuddel
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Re: Minarett-Verbot

Beitrag von Kuddel » 24 Dez 2009, 13:46

Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie gegen die Lohnabhängigen

Charles-Andre Udry - 30. November 2009

Die Annahme der „Antiminarettinitiative“ führt zu vielen Reaktionen, die den eigentlichen Hintergrund dieser Abstimmung verdunkeln. Die durch die Politik geschürten Ängste haben System und machen die gesamte herrschende Klasse für das Resltat verantwortlich.

Vermintes Gelände


Rechts stellen sich der kollegiale Bundesrat, das Parlament in seiner grosser Mehrheit und die Arbeitgeberverbände auf. Sie prangern die angeblichen Profiteure der Invalidenversicherung, der Arbeitslosen-versicherung, der „Sozialhilfe“ an und liefern sie dem Volkszorn aus; MigrantInnen sind hier die bevorzugte Zielgruppe. Damit kann gleich auf zwei Ebenen gepunktet werden: Die Verschlechterung der Sozialversicherungen für alle wird mit der angeblichen „Missbrauchsbekämpfung“ kaschiert, und ein Teil der AusländerInnen wird besonders ins Visier genommen (Menschen aus Kosovo, Ex-Jugoslawien, Türkei...).

Sie verschärfen die Überwachung aller Lohnabhängigen (Erwerbslosigkeit, IV, Absentismus usw.) und die polizeilichen Massnahmen gegen die prekärsten Beschäftigten (Asylsuchende, Papierlose), ganz zu schweigen von den BettlerInnen (Repression gegen Roma). Diese Politik von Law and Order greift auf verschiedene Bereiche des sozialen Lebens über: Fernüberwachung und Kontrolle am Arbeitsplatz bis zum neuen Gesetz über Massnahmen zur Wahrung der inneren Sicherheit (BWIS). Damit wird eine alte Polizeitechnik neu erfunden: Man spaltet die Leute in solche, die „sich nichts vorzuwerfen haben“ und in solche, die „sich allenfalls etwas vorzuwerfen haben“.

Bewusst werden zwei untrennbare Grundrechte auseinander dividiert: Einerseits der freie Personenverkehr und anderseits griffige Rechte zum Schutz der Lohnabhängigen (Gewerkschaftsrechte am Arbeitsplatz, gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, Schutz gegen Lohnund Sozialdumping, Recht auf Bildung und auf Schutz gegen Erwerbslosig-keit, Rechte auf eine anständige Rente). Die Untrennbarkeit dieser zwei Grundrechte wurde mit den Bilateralen Verträgen mit der EU mit Füssen getreten. Als Folge davon wurde ein Konkurrenzverhältnis zwischen den Lohnabhängigen geschaffen, das Verunsicherung und ein Gefühl der Machtlosigkeit mit sich bringt. Beides führt zu einer misstrauischen Haltung im Stil „Alle gegen alle“ und zu Fremdenfeindlichkeit. Heute zeigt sich die Fremdenfeindlichkeit als Islamfeindlichkeit und richtet sich speziell gegen aussereuropäische MigrantInnen, während die „westlichen Werte“ in der Form der „schweizerischen Werte“ hochgehalten werden.

Gleichzeitig werden die Eigentümer von Sklavenstaaten wie Saudi-Arabien, den Arabischen Emiraten oder bis vor kurzem der libyschen Diktatur (welche bald auch wieder ein gern gesehener Gast sein wird) empfangen, entweder ganz diskret („Goldkoffer“ und Verträge) oder mit grossem Pomp (Einladungen an schweizerische Festivitäten wie im Fall der Stadt Genf mit linker Regierungsmehrheit).

Grosskapitalisten aus der ganzen Welt werden mit offenen Armen begrüsst oder sogar abgeholt, damit Schweizer Banken ihnen Schutz bieten können, während man sich gleichzeitig im Zeichen von Schengen am alltäglichen Krieg gegen aussereuropäische Lohnabhängige an den Toren Europas beteiligt (Teilnahme an der Schaffung von Lagern für Flüchtlinge-Gefangene an den EUGrenzen, von der Ukraine bis Libyen).

Realitätsverlust

Die offizielle Linke ist in allen Exekutiven des Landes vertreten. Grundsätzlich beteiligt sie sich also, meist zusammen mit den Grünen, an dieser Politik, in Zusammenarbeit mit der Rechten auf kommunaler, kantonaler und Bundesebene. Sie trägt Sparprogramme zulasten der sozialen Ausgaben mit, welche die schwächeren Teile der Bevölkerung treffen, und sie steht zu den repressiven Massnahmen, die mehr und mehr umgesetzt werden.

Die Gewerkschaftsapparate verwalten gewissenhaft die Bilateralen Verträge, die Zweite Säule, die IV, die SUVA, die Arbeitslosenver-sicherung usw., zusammen mit der „Wirtschaft“ (d.h. mit den Patrons). Für diese Rolle werden sie bezahlt (unter anderem über die sogenannten „Solidaritätsbeiträge). Die Gewerkschaftspresse erweckt den falschen Eindruck, dass Sicherheitsmassnahmen am Arbeitsplatz wirksam kontrolliert und Löhne überwacht werden und dass Gesamt-arbeitsverträge nicht systematisch verletzt werden. Faktisch akzeptieren sie, dass die Rechte die letzten Elemente von Kündigungsschutz aus dem Gesetz streicht. Beispielsweise tun sie nichts gegen die laufende Revision des Bundesgesetzes über Schuldbetreibung und Konkurs, welche die Entlassungsmöglichkeiten erweitert. Entlassungen, die derzeit massenweise stattfinden, werden bestenfalls im Rahmen von Sozialplänen mitgestaltet.

Diese Linke hat es schon lange aufgegeben, den tatsächlichen Gegensatz in der Gesellschaft zu benennen, nämlich den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Damit verzichtet sie darauf, die sozioökonomische Realität adäquat abzubilden und den Lohnabhängigen Instrumente in die Hand zu geben, um ihr Denken, ihre Projekte und ihre Vorstellungen zu schärfen. Diese Leere führt dazu, dass „manche Leute, die durch die Krise mehrfach traumatisiert sind, sich bei der Abstimmung von Protest und Misstrauen, mehr noch als von Hass, haben leiten lassen“ (Editorial Tribune de Genève, 30.11.2009).

Die Karte der Islamophobie

Diverse Bestandteile der Politik der Rechten werden entweder in Abstimmung mit der SVP oder unter dem Druck dieser Partei entworfen und umgesetzt. In diesem Fall werden die Massnahmen der Regierung stets als das „kleinere Übel“ dargestellt, um die - passive oder aktive - Unterstützung der Vorlagen durch die Sozialdemokratische Partei zu rechtfertigen, welche an ihren beiden Bundesratssitzen klebt.

Selbst die Kampagne der Regierungsparteien gegen die Antiminarettinitiative liess die Grundzüge dieser politischen Konstellation erkennen. Über den Zusammenhang zwischen der Initiative und der Gesamtpolitik der Regierung gegen die MigrantInnen hat die offizielle Linke geschwiegen. Wie Fremdfeindlichkeit die offizielle „Handhabung von Migration“ untermauert, was sich unter anderem in Form der Islamophobie ausdrückt, auch darüber wurde geschwiegen. Hingegen wurde lang und breit über die Auslese zwischen „guten“ und „schlechten“ Muslimen, „Integrierten“ und „Nicht- Integrierten“, „Fundamentalisten“ und „Gemässigten“ und natürlich über die Terroristen gesprochen. All dies war eine grosse Hilfe für die Initianten, hinzu kam noch die Zensur ihrer Plakate.

Sobald die Ergebnisse bekannt waren, bedankten sich Freysinger & Co bei ihren Kontrahenten, die sie absichtlich „politische Eliten“ nennen. Diese „Eliten“ hatten nichts Besseres zu tun als zu erklären, die Stimmberechtigten hätten eben die Abstimmungsfrage nicht verstanden. Die gleichen, angeblich so dummen Wähler_ innen gelten aber plötzlich als klug, wann immer sie die Vorlagen der Regierung annehmen.

Was die SVP angeht, so sammelt sie in der Tradition der „patriotischen schweizerischen Rechten“ Kräfte, die von der neoliberalen Wirtschaftsrechten bis zu offen rechtsextremen Kreisen geht. Beziehungen zu faschistischen Organisationen gehören ebenfalls dazu. Mit einem so breiten Spektrum kann die SVP immer mehrere Karten spielen, damit sie eine Wählerschaft konsolidieren kann, die dann als Trumpf in den Verhandlungen innerhalb der Regierungskreise dient. Die Antiminarettinitiative war eine dieser Karten. In Krisenzeiten wird die SVP anderen solchen Karten einsetzen.

In Zeiten von Arbeitslosigkeit und Sozialabbau gilt: Solange nicht klar gezeigt wird, wer gegen wen und für wessen Interessen kämpft, wird die SVP Wind in ihren Segel haben. Dafür entwickelt sich die grösste Schweizer Partei zum Profi in Sachen Plakatieren von Sündenbockbildern. Die SVP wird anderen Gesichtszügen einer rassistisch geprägten Islamophobie ausnutzen.

Der Fremdfeindlichkeit und der Islamophobie entgegenwirken

*
Die Demonstrationen gegen die Antiminarettabstimmung seit dem 29. November sind Ausdruck eines ansatzweise vorhandenen Widerstandes gegen diese Politik. Es ist dringend notwendig, diesen Protesten Perspektiven in Form von Themen und Forderungen zu geben.
*
Jeder und Jede, Individuen oder Gruppen, dürfen ihre religiösen Praktiken und Werte als spezifische Kulturform offen ausdrücken.
*
Vielfältige und verstärkte Förderung der Interkulturalität (Kultureller Austausch und gegenseitige kulturelle Bereicherung) wider die Zwangsassimilation, die bei den Regierungsparteien von links und rechts betrügerisch „Integration“ genannt wird.
*
Gleiche ökonomische, soziale und politische Rechte für alle Lohnabhängigen („Muslime“, „Kosovaren“, „Afrikaner“, „Latinos“, „Genfer“, „Waadtländer“, „Zürcher“...).
*
Stehen wir der utilitaristischen Ausländerpolitik der Schweizer Behörden kritisch gegenüber, die darauf zielt, ein Wirrwarr von schikanösen Aufenthaltsregelungen zu schaffen. Unterstützen wir die Bewegungen zur Regularisierung der Sands-Papiers sowie zur Regularisierung jeder Person mit Familie, die mindestens eine Stunde pro Woche arbeitet (amtliche Definition der Erwerbs-bevölkerung). Aktiver Widerstand gegen Zwangsausweisung von Ausländern.
*
Bekämpfen wir die nächste fremdfeindliche Kampagne der SVP zur „Ausländerkriminalität“, die schon durch rassistischen Polizei- und Verwaltungsmaßnahmen der Behörden gegen die Romas günstigen Nährboden erhalten hat.
*
Angesichts der jetzt wiederkehrenden Diskussion zur Personenfreizügigkeit mit der EU – die SVP wird diese instrumentalisieren – ist es dringend notwendig, die Einheit aller Lohnabhängigen zu errichten, indem Recht auf Personen-freizügigkeit und sozioökonomischen Rechte für Alle untrennbar und komplementär erkämpft werden.
http://www.bfs-zh.ch/Themen/Arbeiterinn ... ngigen.htm

elite-handlanger
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Re: Minarett-Verbot

Beitrag von elite-handlanger » 09 Jan 2010, 18:51

ich habe gleich gestern wieder mal mit einem guten freund über das minarettverbot diskutiert. und es eben wirklich wichtig, das abstimmungsresultat als ökonomische entscheidung eines teils der schweizer unterklassen zu begreifen. "wenn es härter wird, müssen wir für uns selber schauen." diese überlegung ist natürlich langfristig verheerend. eben genau auch für diejenigen, die sich so vor konkurrenz schützen wollen. es geht nicht um religion, es geht um die ausländer. das minarettverbot war eigentlich eine abstimmung über die migrationspolitik. "die leute wollen ruhe und ordnung um jeden preis." und wer hat mehrheitlich abgelehnt? die grossbourgeosie. die innenstädte, die reichen gemeinden. der faschismus wächst in den gewerkschaftlich abgesicherten, privilegierten privatbetrieben. manchmal sogar unter den staatsangestellten. und er breitet sich aus auf die prekären betriebe. die reaktion der zugewanderten communities ist klar: absonderung. "meine tochter bringt keinen schweizer nach hause", findet der albanische familienvater.

Aebnetter
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Diskussion: Nach der Minarett-Abstimmung

Beitrag von Aebnetter » 05 Feb 2010, 20:14

Diskussion am Samstag, 6. Februar 2010, 15.00 Uhr

Nach der Abstimmung über die Minarette: Was steht dahinter?

Veranstaltungsort:
Zentrum Karl der Grosse, Kirchgasse 14, 8001 Zürich
Weitere Informationen:

Minarettinitiative, was steht dahinter?
Die Initiative für das Verbot der Minarette hat in der Schweiz und anderswo hohe Wellen aufgeworfen. In der Schweiz wurde auch sehr stark die demokratische Diskussion um die Demokratie und insbesondere um die Referendumsdemokratie geführt, die, wie die Initianten behaupten, beide vom Islamismus bedroht seien. Die Spaltung der Arbeiterklasse durch solche Kampagnen ist offensichtlich. Die religiöse Spaltung einerseits und die politische Spaltung andererseits durch die Polarisierung auf eine antiislamische, dem Christentum als Leitkultur einfordernde Kreise und denen die auf Religionsfreiheit pochen, d. h. ein grösseres rechstaatliches Gewicht bei solchen Initiativen einfordern, sind für die Arbeiterklasse falsche Konfrontationslinien. Die gemeinsamen Interessen der Arbeiterklasse, die nicht von der religiösen Zugehörigkeit abhängig sind, wird dadurch verschleiert. Die Demokratie geht davon aus, dass sie nur unter den Bedingungen möglich ist, dass allen Bürgern der Zusammenschluss in allen nicht vom Staat kontrollierten Organismen verboten ist. Wenn man sich dieser Tatsache bewusst ist, dass die Rechte der Arbeiterklasse sich nur immer gegen die demokratischen Rechte durchgesetzt haben, dann begreift man auch, dass Entwicklung nach 68, die ganzen Kämpfe, welche gewisse Demokratisierungen der westlichen Gesellschaft durch den Schwung einer neuen auf der Weltbühne auftretenden Arbeiterklasse erzwungen hatte, nicht ausreichte, dass wir heute auf dem Boden einer freieren und von Krisen befreiten Gesellschaft stehen. Nach 40 Jahren Wirtschaftskrise, hat die Bourgeoisie verschiedene Karten ausgespielt: In mehreren Ländern nach 68 immer wieder die sozialdemokratische Karte. In den 80ern, hat sie die Reagan/Tatcher-Ära eingeläutet, mit dem sogenannten Neoliberalismus, der die Krise eindämmen sollte. Die 90er Jahre waren vor allem in Europa von den rosaroten Mehrheit in der EU geprägt. Dies hat dazu geführt, dass viele rechtspopulistische Parteien an Boden gewannen. Der Grund eines solchen Aufstiegs von Parteien, die vor allem auf Ausländerfeindlichkeit und EU-Feindlichkeit setzt, besteht darin, weil sie die vorhandenen Ressentiments, von denen die am Meisten von der Krise betroffen sind, zu denen auch die Arbeiterklasse gehört, auf eine neue Konfrontationslinie umschwenken. Nicht mehr die zwischen Proletariat und Bourgeoisie, sondern zwischen Volk - die stille Mehrheit genannt - und dem korrupten Politestablishment ist jetzt die Konfrontationslinie. So gesehen vereinfacht sich die Konfrontation und man hat wieder Sündenböcke, auf die man das ganze Versagen der kapitalistischen Gesellschaft abwälzen kann. Dass die rechtspopulistischen Kreise selber ein Ausdruck des Versagens des Kapitalismus sind, das zeigt sich z. B. darin, dass sie nicht einmal mehr fähig sind, ein Programm zu formulieren, welches über Ausländerfeindlichkeit hinausgeht und wahlweise diesen oder jenen Politiker oder Geschäftsmann für das Versagen des Kapitalismus verantwortlich machen. Die Interessen von Ausgebeuteten und Ausbeutern können nicht dieselben sein, auch wenn sie durch das Wort „Volk“, Volksreferendum, oder eben Demokratie (Volksherrschaft) verschleiert werden.

Diese und andere Fragen, wie, was für eine Haltung haben Revolutionäre zur Religionsfreiheit z. B., möchten wir mit euch an unserer nächsten Veranstaltung diskutieren.

IKS/Weltrevolution

Kuddel
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Re: Minarett-Verbot

Beitrag von Kuddel » 18 Jan 2011, 13:46


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Re: Minarett-Verbot

Beitrag von admin » 16 Jun 2016, 11:17

Die Tendenz, Muslime und Musliminnen als Fremde zu brandmarken und für alle Probleme unserer Gesellschaft verantwortlich zu machen, scheint weiter zuzunehmen.

Vor Kurzem erschien in der Süddeutschen Zeitung ausnahmsweise mal kein paranoider, sondern ein sachlich fundierter Artikel zur Geschichte muslimischer Gesellschaften. Weil ich ihn nirgendwo in voller Länge online gefunden habe, hab ich ihn selber abgetippt. Wer mag, soll ihn doch verbreiten. Er könnte helfen, in dieser hässlichen Debatte einen kühlen Kopf zu bewahren und die Diskussion vielleicht wieder auf die realen Zustände umzuleiten.
Alles außer Aufruhr

Der Islam kannte keine Reformation und keine Aufklärung, so lautet ein gängiger Vorwurf. Dabei hatte der Islam beides gar nicht nötig. Sein Unglück war der Westen. Von Frank Griffel

Wenn im kommenden Jahr Luthers Reformation gefeiert wird, denken viele auch an den Islam. Die Probleme moderner islamischer Gesellschaften werden häufig damit erklärt, dass es im Islam keine Reformation und keine Aufklärung gab. Die Aufklärung gilt dabei als Zurückdrängung der Religion und Stärkung einer davon unabhängigen philosophischen Tradition. Nach dem Untergang der arabischen Philosophie im Mittelalter fehle dem Islam ein Gegenpol zur Macht des Religiösen, wird oft beklagt.

Neue Ansätze in der Islamwissenschaft aber versuchen zu zeigen, dass dem nicht so war, ja, dass es im Islam vor der Konfrontation mit dem Kolonialismus nie eine Situation gab, in der – wie in Europa – Reformation und Aufklärung nötig waren.
Der Triumph des Korans über das freie Denken war für sechshundert Jahre besiegelt.
Ernest Renan, 1861
Seit ihrer Etablierung im frühen 19. Jahrhundert war die Erforschung der Philosophie im Islam ein Kernthema der westlichen Orientalistik. Hegel hatte noch abwertend über die Philosophie der Araber gesprochen. Aus der Generation nach ihm stammt eine Studie des französischen Religionsphilosophen Ernest Renan („Averroès et l’averroïsme“), in der dieser die Philosophie des muslimischen Denkers Averroes, arabisch: Ibn Ruschd untersuchte. Renan prägte darin das westliche Bild der Philosophie im Islam. Er behauptete, dass diese nach den Übersetzungen der griechischen Texte ins Arabische und nach großen Erfolgen in der klassischen Periode des Islam mit Averroes’ Tod 1198 unterging. „Mit ihm verlor die arabische Philosophie ihren letzten Vertreter,“ so Renan 1861, „und der Triumph des Korans über das freie Denken war für die nächsten sechshundert Jahre besiegelt.“

Ganz im Sinne von Hegels wandelndem Weltgeist Ging die Philosophie demnach erst von den Griechen zu den Arabern und kam dann mit den lateinischen Übersetzungen der Werke Avveroes' im 13. Jahrhundert nach Europa. Wollte sie je nach Arabien und zum Islam zurückkehren, so meinte Ernest Renan, dann nur, wenn sich die Muslime die Europäische Aufklärung aneigneten und damit die Herrschaft des Korans durchbrächen.
Renans Sicht setzte sich im Westen leicht durch. Nicht nur legitimierte sie den Kolonialismus und die politische Entmündigung der islamischen Welt, sie erklärte auch die scheinbar untergeordnete Stellung der islamischen Welt als einer Kultur, die sich selber ihrer Philosophie entledigt hatte und sie nun von Europa wieder erwerben musste. Um - erneut - in das Gefüge der zivilisierten Welt aufgenommen zu werden, muss der Islam sich reformieren und die Werte der Aufklärung annehmen.

1937 aber veröffentlichte der damals 29-jährige Islamwissenschaftler und Philosoph Shlomo Pines in der indischen Zeitschrift Islamic Culture einen Aufsatz, in dem er eine grundsätzliche Abkehr von dieser Darstellung vorschlug. Pines’ Artikel hieß „Some Problems of Islamic Philosophy“, war seiner Zeit um Jahrzehnte voraus und wird erst heute aufmerksam gelesen. Pines bestritt zuallererst, dass mit Averroes die Geschichte der Philosophie im Islam ihr Ende gefunden hatte. Und er bot eine neue Sichtweise auf den einflussreichen Religionsgelehrten Mohammed al-Ghasali: Dieser habe nicht, wie oft behauptet, der Philosophie im Islam den Todesstoß versetzt. Im Gegenteil, wie man heute weiß: Dank al-Ghasalis Kritik entstand eine neue Art Philosophie, in der die alte Tradition griechischer Prägung neben einer neuen existierte. Diese neue Tradition der Philosophie im Islam hatte über Jahrhunderte Bestand und wird heute als „nachklassische Philosophie“ des Islams eifrig erforscht. In ihr greifen Philosophie und Theologie ineinander. Diese nachklassische Periode reicht etwa von 1100 bis 1800.

Einer der einflussreichsten Theologen dieser Epoche beispielsweise, Fachraddin ar-Razi, war einer der scharfsinnigsten Interpreten des Aristoteles und verfasste sowohl einen wirkungsmächtigen Koran-Kommentar wie auch wichtige philosophische Enzyklopädien. Im Gegensatz zur europäischen Philosophie zeichnet sich diese Tradition durch ein größeres Maß an Synthese aus. Pines hatte dies schon 1937 erkannt, als er schrieb, dass es den nachklassischen muslimischen Philosophen „in keiner Weise an neuen Ideen mangelte; sie waren oft jedoch damit zufrieden, sie in die alten Systeme einzubauen“.

Gleichzeitig, so Shlomo Pines, war diese nachklassische Philosophie im Islam stabiler, weil sie durch Synkretismus bestimmt war, also durch das Ineinanderwirken verschiedener Traditionen, ohne dass sich diese bekämpften. „Die islamische Zivilisation war verschiedenen orientalischen, persischen und indischen Einflüssen ausgesetzt und enthielt schon von vornherein eine größere Anzahl von Elementen unterschiedlicher Herkunft als die europäische. In ihrer weiteren Entwicklung hat sie im Fall eines Konfliktes zwischen zwei philosophischen Systemen in der Regel nicht eines davon eliminiert, sondern sie ließ beide – entweder Seite an Seite oder auf verschiedenen Ebenen – bestehen.“

Damit gilt für die Philosophie in der islamischen Welt gerade nicht, was Hegel als Regel der Philosophiegeschichte überhaupt postuliert hatte: dass sich nämlich im Konflikt dreier Denksysteme ein drittes, neues durchsetzt, das dann die vorherigen "aufhebt". Diese Hegel'sche "Dialektik" hat Generationen von Wissenschaftshistorikern im Westen beeinflusst. Sie ist zudem ein Bestandteil der These des Wissenschaftsphilosophen Thomas Khun, nach der sich Phasen der Normalwissenschaft mit kurzen, wirkungsreichen wissenschaftlichen Revolutionen abwechseln. All dies gehört heute zum Selbstverständnis des wissenschaftlichen Fortschritts im Westen, den dieser als Fortschritt der Menschheit überhaupt versteht.

Im "Verlauf des letzten Jahrzehnts entstand in der Islamwissenschaft aber eine Sichtweise, die von einem grundsätzlich anderen Wesen der islamischen Geisteskultur vor ihrer Zerstörung durch den europäischen Kolonialismus ausgeht. So schrieb beispielsweise Wael Hallaq, Professor für islamisches Recht an der Columbia Universität in New York, 2012 in seinem Buch „The Impossible State“, dass die klassische islamische Scharia, so wie sie vor 1800 in Ägypten oder Syrien praktiziert wurde, ein auf ihre Gesellschaften abgestimmtes Rechtssystem war. Was Konfliktlösungsstrategien angeht, sei sie ihrem westlichen Pendant überlegen gewesen. Das Geheimnis ihres Erfolges lag darin, nicht wie im westlichen, vor allem europäisch-kontinentalen Rechtsdenken, eine einzige Lösung für streitende Parteien oder konkurrierende Rechtsprinzipien anzugeben, sondern mehrere. Alle konnten mit gleicher Legitimität abgeleitet werden.
Solche Rechtspraxis spiegelt eine Gesellschaft wider, in der es keine radikalen Verwerfungen wie die kopernikanische oder die französische Revolution gab. Hier gab es keine Aufklärung, keinen Aufruhr gegen die Religion, stattdessen war sie geprägt von Synthesis und der Suche nach Ausgleich. Hier verband sich Religion etwa erfolgreich mit Philosophie, ja, sogar mit Freidenkertum und dem Herumstreunen halb nackter Derwische. Die „Kalandars“ beispielsweise waren so etwas wie eine islamische Hippie-Bewegung, die sich den etablierten Normen widersetzten.

Es war dies eine Gesellschaft, in der es keinen Mainstream, sondern vor allem Nischen gab, schwach abgegrenzte Bereiche, in denen die Sufis ebenso ungestört ihre Kreise drehen konnten, wie die Astronomen neue Theorien von Planetenbewegungen ausprobierten – alle im geozentrischen Modell natürlich.
Dies mag sich nicht mit dem westlichen Anspruch nach Fortschritt vertragen. Es führte jedoch zu Gesellschaften, die von Toleranz geprägt waren, in denen die Literatur und die Künste florierten und die eine Vielzahl von Rollenmodellen anboten. Für europäische Beobachter, die an ihnen nicht teilhatten, waren sie aber nichts anderes als rückständig und arm, verdammt dazu, ihre eigenen Werturteile aufzugeben und die des Westens anzunehmen.

Militärische Siege, vereint mit der Strahlkraft des materiellen Fortschritts westlicher Industrialisierung, führten denn auch zum schnellen Ende dieser Organisationsformen und Denktraditionen. Sie schafften sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts quasi selber ab, ersetzten ihre alten Madrasas mit Polytechniken französischer Prägung, verdrängten die Scharias zugusten adaptierter Versionen des Code Napoléon sowie schweizerischer Gesetzbücher.

Wer heute fordert, dass sich der Islam reformieren und an den Westen anpassen muss, vergisst, dass das gesamte 19. Jahrhundert und frühe 20. Jahrhundert für muslimische Gesellschaften ein einziger Anpassungsprozess war. Europäische Bildungssysteme, Lehrbücher sowie Verfassungen und Gesetzesbücher wurden übernommen. Manche Länder wie die Türkei übernahmen gar ein europäisches Alphabet und schnitten sich von ihrer Geschichte und Literatur ab, die bald niemand mehr lesen konnte. Alles Islamische galt als hinderlich auf dem Weg in die Moderne. Am Ende dieser Entwicklung standen geistig entwurzelte Gesellschaften, die jedoch – weil sie nach wie vor muslimisch geprägt waren – vom Westen weiterhin nicht als vollwertig anerkannt wurden und werden.

Ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der vormodernen muslimischen Geisteskultur findet sich auch in Thomas Bauers Buch „Die Kultur der Ambiguität“ aus dem Jahr 2011. Darin beschreibt er, wie in vormodernen islamischen Literaturen mehrere Lösungs- oder Interpretationsvorschläge nebeneinander bestehen konnten. Der gebildete Korankommentator gab eine Vielzahl von Interpretationen an seine Studenten weiter, ohne eine einzige zu bevorzugen. Der gelehrte Philosoph konnte alle Argumente für oder gegen eine Position so präsentieren, als seien sie seine eigenen. Ja, was schließlich das „Eigene“ ist, also die Problemlösung, der sich ein Korankommentator oder Philosoph anschloss, blieb häufig unbeantwortet. Dabei wurde durchaus abgewogen, und die Fülle der Ansätze wurde verglichen und bewertet. Es musste aber nicht eine einzige Lösung, ein einziges Bekenntnis geben, sondern mehrere konnten nebeneinander bestehen.

Für Bauer leiden unsere modernen westlichen Gesellschaften an mangelnder Ambiguitätstoleranz. Wir sind beispielsweise entweder hetero- oder homosexuell und fragen uns automatisch, ob der Dichter arabischer Verse des 15. Jahrhunderts, in denen der Genuss der Liebe sowohl mit Männern wie mit Frauen besungen wird, nun auch das eine oder das andere war. Unser Verständnis von Hetero- oder Homosexualität lässt kaum ein drittes zu.

In den vormodernen muslimischen Gesellschaften hingegen standen mehr Rollenbilder, auch diversifiziertere, zur Verfügung. Moderne westliche Beobachter von vormodernen islamischen Gesellschaften sind schlecht ausgerüstet, sie zu verstehen. Ihre Blütenpracht ist für uns oft nichts weiter als ein Meer von Farbtupfern, hinter denen keine echte Überzeugung steht.

Moderne Muslime sind von dieser Vielfalt und Toleranz genauso abgeschnitten wie wir. Heutige muslimische Gesellschaften, so Hallaq, sind nur ein Abklatsch dessen, was sich als islamische Kultur über Jahrhunderte herausbildete. Wer sie heute mit der Wiedereinführung der Scharia zurück in ideale muslimische Gesellschaften verwandeln will, kann nur scheitern. Ein moderner Staat, der von der Scharia geprägt ist, wird so zu einem Ding der Umöglichkeit. Er ist Hallaqs "unmöglicher Staat" und muss seine Unzulänglichkeit mit totalitären Mitteln überspielen.
Weder gab es einen organisierten Kleruns noch eine Unterdrückung der Philosophie und Naturwissenschaften und auch keine Ketzerprozesse. Thomas Bauer, 2011
Niemand würde auf die Idee kommen, das Leben unter dem selbsternannten "Islamischen Staat" als geprägt von Toleranz und einer Großzahl von Rollenentwürfen zu bezeichnen. Ganz im Gegenteil. Der fundamentalistische Islam ist intolerant und lehnt die Vielfalt der vormodernen muslimischen Gesellschaften ab.

Aber es ist eben auch ein Fehler, im islamischen Fundamentalismus eine Rückkehr in die muslimischen Vergangenheit zu sehen. Tatsächlich entstand islamischer Fundamentalismus erst im Verlauf des letzten Jahrhunderts aus einer modernen Bewegung, die sich bewusst gegen traditionelle Gesellschaftsentwürfe im Islam richtete. Auch den muslimischen Fundamentalisten gelten die vormodernen islamischen Gesellschaften des 18. Jahrhunderts als rückständig und korrupt. Sie werden – nicht zu Unrecht – für die militärischen Niederlagen gegen die Europäer verantwortlich gemacht. Ambiguität verträgt sich nicht gut mit militärischer Disziplin einer modernen Armee. Der fundamentalistische Islam al-Qaidas und des IS fordert aber ebenjene militärische Disziplin von seinen Anhängern, wie auch das Bekenntnis zu einer einzigen Art, den Koran zu lesen - ohne andere auch nur zu kennen.

Die oft gehörte Forderung, der Islam müsse sich reformieren und die Werte der Aufklärung übernehmen, ist aus der Kenntnis vormoderner islamischer Gesellschaften heraus sinnlos. Unser Verständnis vom Niedergang muslimischer Gesellschaften nach ihrer angenommenen klassischen Blütezeit – also um 1200 nach Christus – ist verfehlt. Sicher, nachklassische islamische Gesellschaften hatten auch ihre Probleme – autoritäre Strukturen und Mangel an politischer Partizipation etwa –, aber sie waren frei von den Missständen, die in Europa die Reformation und die Aufklärung zur Folge hatten, und damit auch frei von der Gewalt, die diese Umwälzungen erzeugten.

„Weder gab es einen organisierten Klerus“, schreibt Bauer, „noch eine Unterdrückung von Philosophie und Naturwissenschaften und auch keine Ketzerprozesse gegen Rationalisten.“ Hier hat die westliche Islamwissenschaft der letzten zwei Jahrhunderte einen falschen Eindruck erweckt: Der nachklassische Islam kennt keine Hexenverbrennungen, keinen Index verbotener Bücher und keine Religionskriege – alles Phänomene, die Europa plagten.

Vielleicht ist dieser neue Blick auf die vom Kolonialismus zerstörten islamischen Gesellschaften nichts als eine andere Art der Verbrämung, im Islam wieder einmal einen Gegenentwurf zu westlichen Gesellschaften zu sehen, diesmal aber einen positiven, in dem die Übel der Moderne vermieden wurden. Doch selbst, wenn es eine Romantisierung sein mag, geht sie mit einem kritischen Blick auf das Eigene einher. Es scheint, als habe Europa sein Gegenüber auf der anderen Seite des Mittelmeeres lange missverstanden. Da mag selbst ein idealisierender Blick auf dieses andere - sodern er letztlich der Forderung nach einer Aufklärung des Islam ein Ende setzt - eine willkommene Abwechslung.

Von Frank Griffel: Frank Griffel ist Professor für Islamwissenschaften an der Yale-Universität und derzeit Gastprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München
(Süddeutsche Zeitung, 28./29. Mai 2016)

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