Aufstände in Algerien, Tunesien und Co.

& neues von Chefduzen
Kuddel
Beiträge: 419
Registriert: 13 Nov 2009, 14:11

Aufstände in Algerien, Tunesien und Co.

Beitrag von Kuddel » 10 Jan 2011, 12:04

Tote bei Protesten gegen hohe Lebensmittelpreise
Unruhen in verschiedenen Orten Algeriens - Regierung kündigt Massnahmen an


Bild
Proteste in Algerien: Ein Polizist schiesst mit Tränengas auf Jugendliche in Algier. (Bild: Reuters)Zoom

Proteste in Algerien: Ein Polizist schiesst mit Tränengas auf Jugendliche in Algier. (Bild: Reuters)
Bei Protesten gegen steigende Lebensmittelpreise in Algerien sind zwei Demonstranten ums Leben gekommen. Nach Angaben des Innenministeriums wurden seit Beginn der Ausschreitungen 400 Menschen verletzt, darunter 300 Polizisten.

(sda/afp) Bei den Protesten in Algerien gegen die hohen Lebenshaltungskosten sind zwei Menschen ums Leben gekommen. Das Kabinett in Algier will noch am Wochenende über Wege zur Eindämmung der jüngsten Preissteigerungen beraten.

Menge wollte Gebäude stürmen

Der algerische Innenminister Dahou Ould Kablia sagte am Samstag im Staatsradio, unter den Verletzten seien 300 Polizisten. Kablia bestätigte zudem einen Zeitungsbericht, wonach ein Jugendlicher am Freitag in der Provinz M'Sila erschossen wurde. Drei weitere Demonstranten wurden bei diesem Protest verletzt.

Eine Menge versuchte, in Ain Lahdjel gewaltsam in die Post und ein Verwaltungsgebäude einzudringen. Als die Polizei gegen die Demonstranten vorging, fiel der tödliche Schuss. Ain Lahdjel liegt rund 300 Kilometer südöstlich der Hauptstadt.

Von Tränengas-Granate getötet

Beim zweiten Toten handelt es sich um einen Mann, der in Bou Smail rund 50 Kilometer von Algier entfernt seinen Verletzungen erlag. Wie die Nachrichtenagentur AFP von den örtlichen Rettungskräfte erfuhr, wurde der Mann von einer Tränengas-Granate mitten ins Gesicht getroffen.

Zu Krawallen kam es ein in der Nacht zum Samstag auch in Annaba, 600 Kilometer westlich von Algier. Laut den Behörden wurden dabei 17 Menschen verletzt, darunter ein Polizist durch einen Steinwurf schwer. Die Protestierenden plünderten mehrere Verwaltungsgebäude in der 800'000 Einwohner zählenden Stadt.
In Algier brennen Autoreifen

Im Armenviertel Belcourt in Algier machte die Bevölkerung ihrem Ärger über die teuren Lebensmittel dadurch Luft, dass sie Autoreifen anzündete. Nach Angaben der algerischen Gewerkschaft der Händler und Handwerker stiegen die Lebenshaltungskosten um 20 bis 30 Prozent. Am stärksten betroffen sind die Preise für Zucker und Öl.
http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/i ... 26244.html
Zuletzt geändert von Kuddel am 10 Jan 2011, 13:24, insgesamt 1-mal geändert.

Kuddel
Beiträge: 419
Registriert: 13 Nov 2009, 14:11

Re: Aufstände in Algerien

Beitrag von Kuddel » 10 Jan 2011, 12:10

Der Frust der jungen Maghrebiner
Von Oliver Meiler.

Nordafrikas Jugend erhebt sich gegen die Arroganz korrupter Regimes. Die Motive sind überall dieselben.

Es ist ein Lauffeuer mit dem Potenzial zum Flächenbrand. In Tunesien und Algerien schäumt der Unmut der Jugend. Täglich kommt es zu schweren Zusammenstössen mit der Polizei, zu Toten auch. Und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die bisher spontan gewachsene Revolte auch die Strassen Marokkos erfasst. Fast notgedrungen.

Verachtung als Volksgefühl

Der Unmut hat überall im Maghreb denselben Ursprung: hohe Arbeitslosigkeit, wenig Perspektiven, traditionalistische Gesellschaften, autoritäre Machtcliquen. Wer es sich leisten kann, wandert aus. Und da in dieser Region die jungen Menschen unter 30 Jahren 70 Prozent der Bevölkerung ausmachen und die Arbeitslosigkeit unter diesen am höchsten ist, mutet die laufende Revolte explosiv an. In den Regierungen geht die Angst um, die Islamisten könnten – wie früher schon – den Frust für sich nutzen.

Der Frust entwächst der «hogra». So nennen die Algerier das Gefühl, das ihnen ihr Regime vermittelt: «hogra» steht für die Verachtung und Geringschätzung der Mächtigen gegenüber dem kleinen Volk. Es ist ein verbreitetes Gefühl in der Region.

Repressives Tunesien

Gerade unter den Tunesiern ist es ausgeprägt. Im kleinen Tourismusland mit dem geschönten Image geschah am 17. Dezember die Initialzündung des Aufstands: Ein junger Arbeitsloser zündete sich auf der Strasse an, weil ihm die Polizei die Auslagen seines fahrenden Gemüseladens konfisziert hatte. Mohammed Bouazizi starb an den Verletzungen. Sein Schicksal schien vielen Tunesiern vertraut. Seither protestieren sie und organisieren sich im Internet. Ihre Revolte wendet sich vor allem gegen Präsident Ben Ali, 74 Jahre alt. Der Ex-Polizist herrscht seit 1987 – eigensinnig und alleine. Seine Familie kontrolliert auch die Privatwirtschaft. In Washington hält man Ben Alis Clan für «quasimafiös», wie es in einer Depesche steht, die Wikileaks unlängst veröffentlichte.

Korruptes Algerien

Auch in Algerien regiert eine autoritäre, fest verankerte Machtclique mit einem notorischen Hang zur Selbstbedienung. Zwar ist der 73-jährige Präsident Abdelaziz Bouteflika, an der Macht seit 1999, kein General wie seine Amtsvorgänger. Doch sein Regime geriert sich kaum demokratischer als die früheren: Es sind auch bald 50 Jahre nach der nationalen Unabhängigkeit noch immer korrupte Militärs und Politiker, die sich die fetten Erlöse aus dem Öl- und Erdgasgeschäft grösstenteils untereinander aufteilen. Algerien war in seiner Geschichte nie so reich wie jetzt: Die Devisenreserven belaufen sich auf 150 Milliarden Dollar. Doch die meisten Algerier bleiben arm. Nur ein kleiner Teil des Reichtums fliesst in den Ausbau der Infrastrukturen, kaum etwas in die Sozialwerke. Und darum sorgt jede Meldung über soziale Ungerechtigkeiten für wüste Strassenschlachten in den armen Quartieren der Grossstädte. Bis das Regime einlenkt und etwas abgibt vom Kuchen. Diesmal waren es die explodierenden Preise für Zucker und Speiseöl – und die Bilder aus Tunesien.

Königliches Marokko

Auch Marokko ist keine Demokratie. Auch im Königreich ärgert man sich über die kolossalen Besitztümer der Herrscherfamilie – zumindest im Privaten. Doch Mohammed VI., auf dem Thron seit 1999, ist mit seinen 47 Jahren ein relativ junger und recht populärer Herrscher, der zudem einen Grossteil seiner Legitimität von seiner Rolle als religiöses Oberhaupt im Land bezieht. Der Glanz des «Königs der Armen», wie er zu Beginn genannt wurde, ist zwar etwas verblasst. Doch Kritik an seiner Person bleibt tabu. Als Katalysator des Unmuts dient die Regierung, der Schlagsack des Volkes. In den letzten Tagen zündeten sich in Rabat sechs arbeitslose, verzweifelte Marokkaner an. Sie inspirierten sich am Tunesier Mohammed Bouazizi.

Der Aufstand schüttelt die nordafrikanische Öffentlichkeit. Die Heftigkeit des Frusts überrascht die Eliten, die Parteien und Gewerkschaften. Doch die Regimes wanken darob nicht. Noch nicht. (Tages-Anzeiger)

Kuddel
Beiträge: 419
Registriert: 13 Nov 2009, 14:11

Re: Aufstände in Algerien, Tunesien und Co.

Beitrag von Kuddel » 13 Jan 2011, 18:42

Nicht nur eine Brotrevolte

In Tunesien und Algerien eskalieren die sozialen Proteste. Dabei geht es sich nicht allein um materielle Bedürfnisse. Die zumeist jungen Menschen, die auf die Straßen gehen, protestieren gegen die Perspektivlosigkeit ihrer Generation. Die Polizei reagiert mit Gewalt. In beiden Ländern gab es bereits mehrere Tote.


In Tunesien, wo nahezu sämtliche Medien zensiert werden, zeigt sich derzeit, wie wichtig moderne Informations- und Kommunikationstechnologien für kollektives soziales Handeln sind. Ohne das Internet wäre eine Protestbewegung eines solchen Ausmaßes, wie sie sich in den vergangenen drei Wochen in Tunesien formiert hat, nicht denkbar gewesen. Vor allem Facebook war ein wichtiges Mittel, sich zu gemeinsamen Aktionen wie Streiks, Demonstrationen und Besetzungen zu verabreden.

Eine vergleichbare Revolte hat das Land seit dem Generalstreik in den Jahren 1977/78 und den »Brotreolten« von 1984 nicht mehr erlebt. Auslöser war diesmal der Selbstmord eines jungen Straßenhändlers. Am 17. Dezember übergoss sich der 26jährige Mohammed Bouazizi in der zentral­tunesischen Stadt Sidi Bouzid mit Terpentin und zündete sich an. Vorausgegangen waren zahlreiche Schikanen durch die örtliche Polizei. Zuletzt hatte eine Polizistin den jungen Mann, einen Hochschulabsolventen, der seinen Lebensunterhalt mit »illegalem« Gemüseverkauf auf dem Markt bestreiten musste, angespuckt. Bouazizi wollte sich auf dem Polizeipräsidium beschweren, wo man ihn wegschickte. Daraufhin beging er vor den Türen des Gebäudes seine Verzweiflungstat, am Dienstag voriger Woche starb er an deren Folgen.

Mohamed Bouazizi war nicht allein Opfer polizeilicher Schikanen. Deshalb wurde er schnell zum Symbol einer »verlorenen Generation«, einer gut ausgebildeten Jugend mit Schul- und oft Hochschulabschluss, die keine Chancen auf einen halbwegs erträglichen Job hat. In den korrupten Strukturen Tunesiens sind qualifizierte Stellen heute nur dank familiärer Beziehungen und aufgrund persönlicher Loyalitäts- und Abhängigkeitsverhältnisse zu bekommen. Hochqualifizierte junge Leute, die nicht über solche Beziehungen verfügen, werden von den Machthabern als Gefahr empfunden. Zudem verfolgt Tunesien ein Modell wirtschaftlicher Entwicklung, das von der äußeren Nachfrage vor allem aus der EU stark abhängig ist. Für das Wirtschaftswachstum sorgen der Dienstleistungssektor, vor allem der Tourismus, und die Zulieferindustrien, die aus Europa ausgelagert werden. Dazu zählen die Textil- und die Automobilindustrie. Solche Branchen verlangen überwiegend nach gering qualifizierten Arbeitskräften. Hingegen hat das tunesische Schul- und Hochschulwesen beispielsweise viele Hotelfachkräfte ausgebildet, die jedoch oftmals keine Arbeitsplätze finden, weil der Tourismussektor überwiegend im Besitz einflussreicher Familien ist.

In Marokko, wo auch in den offiziellen Statistiken die Erwerbslosenrate mit dem Bildungsniveau steigt, gibt es seit zehn Jahren eine organisierte Bewegung der diplômés chômeurs, der Arbeitslosen mit Hochschulabschluss. Dagegen konnte das Elend dieser Generation im Polizeistaat Tunesien, wo fast jede politische oder soziale Lebensregung erstickt wird, bislang keinen solchen Ausdruck finden.

Umso heftiger fiel nun die Revolte aus. Dass sie vom Landesinneren ausging, das gegenüber den etwas besser gestellten Küstenregionen von der Politik systematisch vernachlässigt wird, ist nicht erstaunlich. In Sidi Bouzid liegt die Arbeitslosigkeit bei 48 Prozent, bei der jüngeren Generation sogar bei 60 Prozent.

Bereits wenige Stunden nach Bouazizis Selbstmordversuch versammelten sich zahlreiche junge Menschen in Sidi Bouzid auf den Straßen und öffentlichen Plätzen. Der Protest breitete sich schnell aus, und in den darauffolgenden Tagen gingen die Niederlassung der regierenden Demokratischen Verfassungspartei (RCD) sowie Autoreifen und ein Polizeiauto in Flammen auf. Polizisten wurden mit Steinen beworfen. Die sonst übliche Angst vor den »Sicherheitskräften« wich der Wut. Am Wochenende des 25. und 26. Dezember erreichte die Revolte die Hauptstadt Tunis, wo erste Demonstrationen stattfanden. In der ersten Januarwoche, nach Ende der Schulferien, weitete sich der Protest aus.

Die Antwort des Regimes fiel klassisch repressiv aus. Nachdem der Einsatz der Polizeikräfte aus der Sicht der Diktatur nicht die gewünschte Wirkung erzielt hatte, wurden am vergangenen Wochenende in Thala, rund 250 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Tunis, erstmals auch Soldaten gegen die Demonstranten eingesetzt. Die Stadt wurde förmlich umzingelt.

Am Dienstag sprach die Fédération internationale des droits de l’homme, die internationale Vereinigung der Menschnerechte, von mindestens 35 Toten. Die tunesische Opposition ihrerseits spricht von über 50 Todesopfern, ein Großteil von ihnen sei durch Schüsse in Thala und Kasserine getötet worden. Scharfschützen hätten von den Dächern aus auf Demonstranten und »Randalierer« geschossen. Unterdessen wurde in Kasserine zu einem Streik der Arbeiter in der örtlichen Zellulosefabrik aufgerufen.

Die tunesische Regierung spricht in einer offiziellen Bilanz von bislang 14 Toten und rechtfertigt den Waffeneinsatz. Dieser sei angeblich »in Notwehr« erfolgt, es seien auch mehrere Polizisten verletzt worden, drei von ihnen schwer.

Nur spärlich dringen die Informationen aus Thala und anderen Zentren der Protestbewegung, die einer rigiden Nachrichtensperre unterworfen sind und in denen weder tunesische noch ausländische Journalisten ungehindert arbeiten können. Umso wichtiger wurde dadurch das Internet. Doch auch dieses ist längst zum Kampfschauplatz geworden. Das Regime versucht, die Akteure im politischen »Cyberwar« auf ganz handgreifliche Weise unter ihre Kontrolle zu bringen. Seit dem 6. Januar werden immer mehr Bloggern verhaftet – es gibt 900 von ihnen in Tunesien, von denen ein gutes Drittel regelmäßig schreibt. Auch drei Mitglieder des tunesischen Ablegers der Piratenpartei wurden festgenommen: Slim Amamou, Azyz Amami und Sla Eddine Kchouk. Zwei von ihnen wurden am Sonntag wieder freigelassen. Von Azyz Amami fehlte hingegen bis Redaktionsschluss jegliche Nachricht.

Die Regierung glaubt, durch diese Welle von Festnahmen endlich »Ammar 404« enthauptet zu haben. So nennt sich die Netzbewegung der Regimekritiker, unter Anspielung auf die Fehlermeldung »Ammar 404« – auf Englisch »error 404« –, die in Tunesien regelmäßig auf den Bildschirmen erscheint, sobald man auf eine dem Regime politisch unliebsame Webseite zu gelangen versucht. Unterdessen wurde auch bekannt, dass der mit Abstand meistgenutzte Provider in Tunesien mutmaßlich die Passwörter von Benutzern »schluckt«. Die Agence d’Internet Tunisienne (AIT) soll auf diese Weise die Zugangscodes zu Diensten wie Yahoo, Google und Facebook Außenstehenden, etwa auch Polizei oder Nachrichtendiensten, zugänglich machen. Die Providerfirma AIT gehörte bis September 2010 Cyrine Mabrouk, einer Tochter von Präsident Ben Ali.

In einem Land, in dem ein Prozent der Bevölkerung – ein Rekordwert – bei den Sicherheitskräften beschäftigt ist, konnte bislang noch jede organisierte politische Opposition erstickt werden. Die Revolte der vergangenen Wochen hat die Situation geändert. Dass viele Anwälte und andere Freiberufler sich der Bewegung anschlossen, weil sie glauben, sie erlaube die Durchsetzung grundlegender politischer Freiheiten, ist ein wichtiges Signal für die Zukunft.

Auch die Regierungen der übrigen Maghreb-Staaten haben Angst vor sozialen Revolten. In Marokko wurden vorsorglich mehrere Solidaritätskundgebungen für die tunesische Jugend, die in Rabat und Casablanca geplant waren, verboten. Unterdessen rief in Algerien die unabhängige Gewerkschaft der Staatsbediensteten (Snapap) für Donnerstag zu Solidaritätskundgebungen für die tunesische Protestbewegung auf. Diese Initiative wurde jedoch von einer eigenen Rebellion der alge­rischen Jugend überrollt. Seit Dienstag voriger Woche brannte es zunächst in Bab el-Oued, einem ärmeren Stadtteil der Hauptstadt Algier, dann auch in der westalgerischen Metropole Oran und in mehreren Städten im Nordosten des Landes. Am Wochenende waren fünf Todesopfer infolge von Zusammenstößen mit der Polizei zu beklagen, in Msila, Annaba, Boumerdès und Tipaza. 1 100 Personen wurden wegen Verwüstung und Plünderung festgenommen. Vielerorts wurden Staatssymbole, darunter auch 40 Schulen, angegriffen.

Der Protest in Algerien wurde durch die Erhöhung der Preise für Grundnahrungsmittel, vor allem Speiseöl und Zucker, ausgelöst. Die Erhöhung ist unter anderem auf internationale Preisschwankungen infolge von Spekulationen und auf die starke Importabhängigkeit Algeriens bei fast allen Gütern zurückzuführen. Wegen der Proteste beschloss die algerische Regierung am Samstag, die Importsteuern und die Abgabe auf die betroffenen Grundbedarfsgüter um 41 Prozent zu senken, in der Hoffnung, so eine Senkung der Preise herbeiführen zu können. Aber die Revolte der Jugend geht längst über den Protest gegen die Preiserhöhungen für diese Nahrungsmittel hinaus.
http://jungle-world.com/artikel/2011/02/42403.html

admin
Site Admin
Beiträge: 56
Registriert: 13 Apr 2009, 19:19

Re: Aufstände in Algerien, Tunesien und Co.

Beitrag von admin » 15 Jan 2011, 19:36

Ich hab das Thema aufgrund seiner Brisanz mal in diesen Bereich verschoben, in der Hoffnung, dass es mehr beachtet wird.

Nachdem der tunesische Dikator Ben Ali ins Ausland flüchtete, ist nun die Armee eingeschritten und hat die Kontrolle über die Infrastruktur übernommen. Ein BBC Journi sagt: "There are tanks on virtually every corner in downtown Tunis"

Bild
Bild
Bild
Bild
Bilder: http://www.newstatesman.com/blogs/the-s ... t-protests
http://www.bbc.co.uk/news/world-africa-12199069

Guter Hintergrundartikel: Militante Proteste erreichen die Hauptstadt Tunis und Touristenorte - Das Regime antwortet mit Zuckerbrot & Peitsche - Frankreich bietet Polizeihilfe an (Teil IV)
„Zuckerbrot und Peitsche: Am Montag war Tunesiens Präsident Zine ben Abidine Ben Ali im Fernsehen aufgetreten und hatte angekündigt, angeblich „300.000 Arbeitsplätze“ innerhalb von knapp zwei Jahren zu schaffen - aber auch „Terroristen im Solde des Auslands“ (gemeint waren militante jugendliche Demonstranten) hart zu sanktionieren. Am gestrigen Mittwoch nun feuerte er seinen Innenminister, Rafik Belhadj Kacem - und ernannte seinen Amtsnachfolger Ahmed Friaa -, dabei die Freilassung aller in der vergangenen Woche festgenommenen Protestierer ankündigend. Gleichzeitig aber nahm die tunesische Diktatur einen ihrer prominentesten politischen Opponenten fest, den Journalisten und früheren Direktor der Zeitung ,Al-Badil' (Die Alternative) Hamma Hammami. Letzterer ist der Sprecher der „Kommunistischen Werktätigenpartei Tunesiens“ PCOT, über die man denken kann, was man möchte - die Partei war früher maoistisch und pro-albanisch ausgerichtet und hat ein eher vage demokratisch-marxistisches Profil -, die aber zu den wichtigsten Oppositionskräften im tunesischen Polizeistaat gehört...“

Kuddel
Beiträge: 419
Registriert: 13 Nov 2009, 14:11

Re: Aufstände in Algerien, Tunesien und Co.

Beitrag von Kuddel » 22 Jan 2011, 15:44

Sitzstreik in der tunesischen Botschaft
Nach dem Umsturz in Tunesien wollen politische Flüchtlinge aus der Schweiz in ihre Heimat zurück. Die Passausgabe gestaltet sich äusserst schwierig.

Bild
Warten auf den Reisepass: Tunesische Flüchtlinge im Sitzstreik in der Botschaft in Bern.

Rund 35 tunesische Oppositionelle sind in der tunesischen Botschaft in Bern in einen Sitzstreik getreten. Dies meldet Leser-Reporter Muhamad gegenüber 20 Minuten Online. Die Tunesier forderten ihr Recht, einen tunesischen Pass zu erhalten. Die politischen Flüchtlinge hätten zwar ein Formular ausgefüllt. Leser-Reporter Muhamad sagt: «Seit 2005 habe ich dieses Formular praktisch einmal pro Jahr ausgefüllt und eingereicht. Einen Pass erhalten habe ich aber nie.» Die politischen Flüchtlinge hätten gehofft, dass mit dem Umsturz der Regierung in Tunesien die Pässe nun ausgestellt werden. Dies gestaltet sich laut Muhamad schwierig.

«Bislang hat erst ein Tunesier einen Pass erhalten. Er will aber so lange bleiben, bis alle Anwesenden ihren Ausweis erhalten haben», sagt der gebürtige Tunesier.

Verunsicherte Botschaftsangestellte?

Weshalb es zu den Schwierigkeiten gekommen ist, ist unklar. Die tunesische Botschaft war für eine Stellungnahme bisher nicht erreichbar. Möglich ist laut Adrian Hauser, Leiter Kommunikation der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH, dass die Botschaftsangestellten von der alten Regierung eingesetzt wurden und nun verunsichert sind. «Zudem gilt es zu bedenken, dass Prozesse in der Asylpraxis immer mit Verzögerung ablaufen», sagt Hauser.

Die Tunesier in der Botschaft in Bern sind laut Muhamad fest entschlossen zu bleiben, bis alle einen Pass erhalten. Sie sagen: «Entweder wir kriegen alle einen Pass oder die Polizei muss uns hier raustragen.» Gemäss der Nachrichtenagentur SDA überwachten Berner Polizisten die Lage vor der Botschaft im Kirchenfeldquartier.

http://www.20min.ch/news/schweiz/story/26941270

Kuddel
Beiträge: 419
Registriert: 13 Nov 2009, 14:11

Re: Aufstände in Algerien, Tunesien und Co.

Beitrag von Kuddel » 25 Jan 2011, 18:39

Ägypten

«Mubarak, Saudi-Arabien erwartet dich»

KAIRO - Die Welle der Proteste gegen Armut und Unterdrückung ist von Tunesien nach Ägypten übergeschwappt.


Am Dienstag gingen Tausende in der Hauptstadt Kairo und andernorts auf die Strasse, um gegen die seit drei Jahrzehnten andauernde Herrschaft von Präsident Husni Mubarak zu demonstrieren.

An den Protestmärschen, die in der Nähe des Obersten Gerichts begannen, bevor sie sich auf mehrere Stadtviertel ausdehnten, nahmen nach Angaben der Polizei rund 15´000 Menschen teil. Ihnen gegenüber standen 20´000 bis 30´000 Polizisten.

Nach dem tunesischen Vorbild hatten die Organisatoren der Demonstrationen in Kairo und Alexandria einen «Tag der Revolution gegen Folter, Armut, Korruption und Arbeitslosigkeit» ausgerufen. Es war die grösste Demonstration in Ägypten seit Jahren.

Die Proteste richteten sich gegen die Regierung von Präsident Mubarak und den seit Jahrzehnten andauernden Ausnahmezustand im Land. Zudem forderten die Demonstranten den Rücktritt von Innenminister Habib al-Adli, der für Menschenrechtsverstösse verantwortlich gemacht wird, sowie eine Erhöhung des Mindestlohns.

Die Demonstranten schwenkten ägyptische Fahnen, einige bewarfen die Polizei mit Steinen. Vor dem Parlament in Kairo setzten die Sicherheitskräfte Wasserwerfer und Tränengas ein, um die Menge zu vertreiben. Das Innenministerium drohte mit Festnahmen.

Solch grosse Protestbewegungen sind in dem bevölkerungsreichsten Land der arabischen Welt sehr ungewöhnlich. Selten kamen dort mehr als ein paar Hundert Demonstranten zusammen, Kundgebungen wurden in der Regel schnell von der Polizei aufgelöst.

In Tunesien hatte sich Mitte Januar Präsident Zine al-Abidine Ben Ali dem Druck der Strassenproteste gebeugt und war nach Saudi-Arabien geflohen. In Kairo riefen einige Demonstranten: «Mubarak, Saudi-Arabien erwartet dich.»

Der Sturz Ben Alis nach mehr als zwei Jahrzehnten an der Macht hat die arabische Welt elektrisiert, wo viele Menschen ebenfalls unter autoritärer Herrschaft, Arbeitslosigkeit und steigenden Preisen leiden.

http://www.blick.ch/news/ausland/mubara ... ich-105547

Melnitz
Beiträge: 157
Registriert: 04 Aug 2009, 13:54

Re: Aufstände in Algerien, Tunesien und Co.

Beitrag von Melnitz » 25 Jan 2011, 20:16

Die Welle scheint wirklich überzuspringen und hat auch Auswirkungen auf andere Kämpfe. So wird rund um die Auseinandersetzung bei Fiat in Italien kolportiert:
In den sechziger Jahren begann mit den Fabrikstreiks in Form der »wilden Katze« die soziale Insubordination. Da es derzeit keine Parteilinke gibt, die der Politik des rechten Regierungslagers und den Zumutungen des größten italienischen Unternehmens etwas entgegenzusetzen hätte, werden sich die sozialen Proteste vermutlich ausweiten. Am Freitag voriger Woche kam zeitgleich mit dem Abstimmungsergebnis bei Fiat die Nachricht, dass es der Protestbewegung auf der anderen Seite des Mittelmeers gelungen war, das verhasste System zu stürzen. Vor allem unter den Bloggern verbindet sich seither die Freude über das gute Abschneiden der Fiom mit dem Aufruf, sich die tunesischen Nachbarn zum Vorbild zu nehmen.
Quelle: http://jungle-world.com/artikel/2011/03/42453.html

sweatshirt
Beiträge: 46
Registriert: 30 Apr 2010, 06:33

Der politische Wille

Beitrag von sweatshirt » 30 Jan 2011, 13:47

All die beschissnen Jahre. 9/11, der Afghanistan-Krieg, der bis heute geht. Die Selbstmordbomber in Israel/Palaestina, der Irakkrieg und das sektiererische Schlachten, das darauf folgte. Bombenkrater mit mehreren Metern Tiefe und so. Leichenteile, die hunderte Meter verstreute liegen. Solches Zeug. Und ueberall Islamisten. Islamisten und Killer-Einheiten von autoritaeren Regimes. Am Ende laeuft alles auf Somalia hinaus, konnte man denken. Somalia und Blackwater. Konnte man sagen. Sagte man. Und in Diskussionen, ja die Diskussioenen und Gespraeche ueber den Nahen Osten, irgendwie will man ja die Fahne hochhalten und man erzaehlt von den Demos in Bilin Palaestina oder dass es im Sommer 2003 im Irak eine Basisbewegung gegeben hat. Oder von Food Riots in Algerien und Aegypten im Jahr 2008. Aber was war das schon gegen das Gemetzel? Das allgemeine Gemetzel. Eigentlich nichts. Aber jetzt! Jetzt scheint das Eis gebrochen. Natuerlich war Tunesien nicht 'make something out of nothing'. Da war die Bewegung in den Phosphat-Staedten. Gafsa, heisst es dort, so viel ich weiss. Und wenn man auf Labournet auf Aegypten geht, dann steht da 'Vier Jahre neue ArbeiterInnenbewegung'. Beharrlich und emsig versuchten Leute etwas auf die BEine zu stellen. Traegt das jetzt Fruechte? Bernhard Schmid findet, es sei wegen den Gewerschaften in Tunesien. Die etwas unabhaengiger seien. Das ist mir egal. Dann soll es das finden. Fakt ist: In drei Wochen wurde der Praesident davongejagt. Und der sass seit 23 Jahren im Sessel. Ein Clan, der das Land im Griff hatte. Flutsch und weg! Und flugs darauf erschallt es in den Strassen von Kairo, Sanaa, in der ganzen arabischen Welt, sie wollen alle ihre Praesidenten sturzen. Das ist Beispiel und Nachahmung. Ausdruck von Willenskraft. Der politische Wille die Welt zu veraendern. Stimmt sehr optimistisch. Nichts, aber auch gar nichts von Islamismus. Scheint ueberhaupt keine Rolle zu spielen. Es ist wohl so, dass manche Prozesse sich irgendwann einfach aufheben und ein Zustand erreicht wird, der voellige Offenheit beinhaltet. Es kann ueberall hingehen. Alles ist moeglich. Das Regime hat so lange die Macht, wie man sie ihm gibt. Wenn man entscheidet, dass man es nicht mehr will, dann stuerzt man es. Schluss. Fertig. Ohne langes Zaudern. Ohne Sitzungen. Und was sollen dann Organisationen, die aus dem bisherigen Status quo kommen (z.B. Gewerkschaften)? Man macht die Gesellschaft neu, man erschafft neue soziale Beziehungen, man krempelt die Bedeutungszummenhaenge voellig um. Also entstehen auch neue Organisationen. Das ist wichtig. Das war vorher war, war auch wichtig (vier Jahre neue Arbeiterbewegung, etc). Aber nicht mehr, wenn es darum geht, etwas Groesseres zu vollbringen. Dann beginnt eine neue Zeit. Immanuel Wallerstein sagt, alle Zyklen des Weltsystems seien am Tiefpunkt, die kurzen, die mittleren und die langen. Wir seien in einen Zustand des 'systemischen Chaos' eingetreten. Und da koennten sehr kleine Ereignisse sehr grosse Auswirkungen haben. Wobei der Ausgang voellig ungewiss sei. Im Moment 'protesters dominate central Cairo'...

Benutzeravatar
PuppetMaster
Beiträge: 32
Registriert: 06 Apr 2010, 01:04
Wohnort: :tronhoW

Internet abgeschalten in Ägypten

Beitrag von PuppetMaster » 30 Jan 2011, 13:50

Das hätte ich nicht für möglich gehalten :shock:
Ägypten ist offline und ohne Mobilfunk [4. Update]

In einer offensichtlich konzertierten Aktion ist etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht (MEZ) fast der gesamte ägyptische Teil des Internets offline gegangen. Binnen Minuten wurden rund 3.500 individuelle BGP-Routen (Border Gateway Protocol) aller großen ägyptischen ISP zurückgezogen und damit praktisch gelöscht, wie Renesys informiert. Damit ist kaum noch ein Autonomes System (AS) in Ägypten von außen erreichbar. Es handelt sich praktisch um die erste vorsätzliche, nahezu komplette und plötzliche Abschottung eines gesamten Landes vom Internet, dessen Bürger sich bislang relativ weitgehend im Internet bewegen konnten. Die Auswirkungen auf eine Volkswirtschaft und Gesellschaft mit rund 82 Millionen Einwohnern, die mehr Facebook als Tageszeitungen liest, sind zur Stunde nicht absehbar.
http://www.heise.de/newsticker/meldung/ ... 79102.html

Sie wollen den Leuten ihre Kommunikationsnetze kappen. Mal schauen ob das geht. Wenn nun alle schon auf den Strassen sind, können sie dort vielleicht gleich neue Kommunikationsformen finden.

@sweatshirt: Danke für deine Gedanken!
Zuletzt geändert von PuppetMaster am 30 Jan 2011, 23:46, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
bebop
Beiträge: 296
Registriert: 01 Jul 2009, 12:33

bewegende Bilder aus Ägypten

Beitrag von bebop » 30 Jan 2011, 17:14

schöne, bewegende Bilder aus Ägypten:



Die Armee bringt ihre Zerstörungsmaschinen in Stellung: Egypt dispatches jets, helicopters over protesters on sixth day of turmoil

China hat den Begriff "Egypt" in ihrem Internet sperren lassen: China Blocks Microblogs Word for ‘Egypt’
Arroganz ist die Kunst, auf die eigene Dummheit stolz zu sein.

Antworten