Aufstände in Algerien, Tunesien und Co.

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Kuddel
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Re: Aufstände in Algerien, Tunesien und Co.

Beitrag von Kuddel » 12 Dez 2011, 13:29

Erfolgreicher Generalstreik der Opposition in Syrien

Mit einem Generalstreik hat die syrische Opposition versucht, den Druck auf die Führung in Damaskus zu erhöhen. Nach Angaben von Aktivisten wurde der Streikaufruf am Sonntag in vielen Provinzen befolgt. In den Provinzen Daraa und Idleb sowie in den Städten Homs und Harasta sei ein Großteil der Geschäfte geschlossen geblieben. Sicherheitskräfte hätten vielerorts mit Gewalt versucht, Ladeninhaber zum Öffnen ihrer Geschäfte zu zwingen, teilte die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Auch in den von der Opposition beherrschten Vierteln von Damaskus und an den meisten Fakultäten der Universität in der Hauptstadt sei der Streikaufruf befolgt worden. Der Vorsitzende des oppositionellen Syrischen Nationalrats, Burhan Ghaliun, sagte dem deutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", die Opposition sei nicht länger bereit, mit den -so wörtlich- Mördern in Damaskus zu verhandeln. Zugleich betonte er, sie sei bereit, mit Militär- und Zivilbeamten über die Zukunft des Landes zu sprechen.
http://www.dw-world.de/dw/function/0,,1 ... 67,00.html

Auch wenn die Medien sich vom Arabischern Raum großteils abgewendet haben, ist dort keine Ruhe eingekehrt. Auch die Entwicklungen in Ägypten bleiben spannend.

Kuddel
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Re: Aufstände in Algerien, Tunesien und Co.

Beitrag von Kuddel » 13 Dez 2011, 18:59

Zehntausende demonstrieren gegen neue Herren

Bis zu 30.000 Menschen in Bengasi auf der Straße


Tripolis - In Libyen sind Zehntausende Menschen aus Protest gegen die Übergangsregierung auf die Straße gegangen. In Benghazi, der Keimzelle der Revolte gegen den langjährigen Machthaber Gaddafi, hätten am Montag zwischen 20.000 und 30.000 Menschen demonstriert, sagte ein Augenzeuge. Die Demonstranten verlangten Änderungen im Nationalen Übergangsrat NTC, der demokratische Strukturen aufbauen will.
http://derstandard.at/1323222874575/Zeh ... eue-Herren

Kuddel
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Re: Aufstände in Algerien, Tunesien und Co.

Beitrag von Kuddel » 04 Jan 2012, 13:47

Ein wirklich lesenswerter Artikel
Architektur der Besatzung
Die Militärregierung baut um den Tahrir Mauern, wie man sie sonst nur aus besetzten Kriegsgebieten kennt und errichtet sich damit ein Symbol des eigenen Versagens


Bevor die Amerikaner 2003 in den Irak einmarschierten und ihn anschließend besetzten, war die israelische Armee die einzige in der jüngeren Geschichte des Nahen Ostens, die über reiche Erfahrung auf dem Gebiet des Städtekampfes verfügte. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie ihre Methoden der Besatzung und Kontrolle dicht besiedelter Stadtgebiete immer weiter verfeinert. In der Geschichte fanden ihre Militärstrategen Vorbilder zur Verbesserung ihrer Vorgehensweisen vor allem in der französischen Besatzung Algeriens. Als die Amerikaner im Irak einmarschierten, wurden sie von israelischen Militärstrategen beraten. Man errichtete Mauern, die die Bevölkerung auf leicht zu kontrollierende Inseln verteilten und „strategische Interessen“ sichern sollten.

Bild
Kario, Nähe Tahrir-Platz, Dezember 2012 (Foto: AFP)

Besetzte Stadt

In den vergangenen Wochen wurden im Zentrum Kairos nach Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Soldaten insgesamt vier Mauern errichtet. Die Gegend um das Innenministerium und die Parlamentsgebäude erinnert immer mehr an eine besetzte Stadt: mit Stacheldraht blockierte Straßen, Betonmauern, von der Armee kontrollierte Checkpoints.

Im Falle Ägyptens handelt es sich natürlich nicht um die Besatzung durch ausländische Truppen und die Mauern stehen auch nur im Zentrum Kairos. Außerhalb des unmittelbaren Gebietes um den Tahrir-Platz und die Regierungsgebäude erinnert nichts an eine Besatzung und das sollte es auch nicht, schließlich wird das Land von keiner fremden Armee besetzt. Wenn man bedenkt, dass die ägyptischen Sicherheitskräfte von amerikanischen Sicherheitsexperten beraten werden, verwundert es auch nicht, dass sie solchen Methoden anwenden.

Auch wenn die Straßen Kairos vor den jüngsten Ereignissen noch nie durch drei Meter hohe Betonmauern versperrt wurden, sind Mauern im öffentlichen Raum der Stadt nichts Neues. Während auf Bildern aus den Sechzigern eine um Museen, Regierungsgebäude und Hotels herum von Absperrungen freie Stadt zu sehen ist, begann sich dies gegen Ende der Amtszeit von Präsident Sadat zu ändern. Etwa von 1977 an tauchten im Stadtbild immer mehr Mauern und Zäune auf. Die meisten von ihnen dienten dem Schutz von Einrichtungen, vor denen es öfter zu Protesten gegen die Politik der Regierung kam.

Anfang der Neunziger errichtete Mubaraks Regime als Reaktion auf die Proteste gegen seine Unterstützung der Invasion des Irak durch die Amerikaner neue Mauern, um den öffentlichen Raum besser beherrschen zu können. Die wichtigsten Plätze und Straßenkreuzungen Kairos wurden mit sperrigen grünen Zäunen versehen, die bis heute nicht entfernt wurden. Nach 9/11 und Ägyptens Entscheidung, die USA im „Krieg gegen den Terror“ zu unterstützen, wurde die Stadt von einer neuen Welle von Mauern überzogen. Jetzt wurden Regierungsgebäude, touristische Hauptattraktionen und Fünf-Sterne-Hotels bunkermäßig gesichert.

Gegen wen schützen?


Im Falle der Besatzung wie im Irak oder den palästinensischen Gebieten gibt es einen Grund für solche Sicherheitsmaßnahmen. Die Besatzer müssen sich gegen eine ihnen feindlich gesinnten Bevölkerung absichern. Im Falle Kairos war nicht klar, wen das Regime vor wem beschützen wollte. Eine einfache Erklärung liegt in der seit den 1970ern zunehmenden ökonomischen Ungleichheit und der wachsenden Kluft zwischen Besitzenden und Besitzlosen. Ehemals allgemein zugängliche Gebäude wie Luxushotels mussten nun abgeschirmt werden, um die Wohlhabenden vor dem Rest der Bevölkerung zu beschützen.

Dieser Trend setzte sich über die Jahre hinweg fort und manifestierte sich in Form von sogenannten gated communities, in denen die Oberschicht sich von den weniger Privilegierten abschirmt, da sie diese als Bedrohung empfindet. Mauern wurden so zum räumlichen Ausdruck von Klassengesellschaft und sozialer Ungerechtigkeit.

Um Orte von strategischer Bedeutung wie bestimmte Botschaften wurden Absperrungen angebracht. Die Straße in Giza, in der die israelische Botschaft liegt, ist seit 20 Jahren quasi besetztes Territorium. Anwohner werden von Sicherheitspersonal überprüft, bevor sie ihre eigenen Häuser betreten dürfen, und müssen die Sicherheitsleute 24 Stunden im voraus informieren, wenn sie Besuch empfangen wollen. Vor den Botschaften der USA und Großbritanniens wird der Verkehr seit mehr als zehn Jahren durch fest installierte Absperrungen aus Eisen blockiert. Man stelle sich vor, ägyptische Botschaften würden in den Hauptverkehrsstraßen von London, Washington oder Tel Aviv ähnliche Sicherheitsvorkehrungen verlangen.

Die entscheidende Frage in Bezug auf all diese Mauern lautet: Wem gehört die Stadt? Es sollte den ägyptischen Bürgern möglich sein, jede Straße in ihrer Stadt entlangzugehen, ohne Kontrollpunkte passieren, Ausweise vorzeigen und Betonmauern umgehen zu müssen.

Auf beiden Seiten Ägyptern


Es handelt sich um eine Frage der Souveränität. Die jüngsten Mauern verdeutlichen noch einmal auf besorgniserregende Weise, was man schon vorher wusste: Anstatt das Recht aller Ägypter zu beschützen, sich in ihrer Hauptstadt frei bewegen zu können, geht es der ägyptischen Regierung um den Schutz der politischen und wirtschaftlichen Interessen einiger weniger. Solche Architekturen der Besatzung führen zu Situationen, in denen uniformierte Soldaten auf der einen Seite der Mauer stehen und die Massen auf der anderen.

Es handelt sich hier aber nicht um Bagdad oder Ost-Jerusalem. Hier stehen auf beiden Seiten der Mauer Ägypter. Die Machthaber hätten niemals zulassen dürfen, dass solche Mauern ihre Unfähigkeit offenbaren, eine gerechte Gesellschaft zu schaffen.
http://www.freitag.de/kultur/1151-kairo ... -besatzung

Der Text erschien zuerst im 'Egypt Independent'
http://www.almasryalyoum.com/en/node/570311

Kuddel
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Re: Aufstände in Algerien, Tunesien und Co.

Beitrag von Kuddel » 18 Jan 2012, 14:33

Schweizer Soldaten nehmen in Tripolis Arbeit auf
Bundesrat überweist Vorlage ans Parlament
Die Schweizer Botschaft in Libyens Hauptstadt Tripolis wird künftig nicht mehr von einer Sicherheitsfirma, sondern von Elite-Soldaten der Schweizer Armee bewacht. Das Parlament wird sich in der Frühjahrssession zu diesem Einsatz äussern können.
http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/s ... 98157.html

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Hydra
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der nächste Frühling in China?

Beitrag von Hydra » 17 Feb 2012, 20:29

@ Kuddel
Danke für den Artikel zu den Mauern. Ist wirklich sehr lesenswert, wenn auch beängstigend.

Das gehört auch hier hin: Im vergangenen Jahr hat die chinesische Regierung ihre Repression gegen politische AktivistInnen verstärkt, offenbar aus Angst davor, dass der Arabische Frühling die Bevölkerung in China inspirieren könnte. Auch wenn die Regierung vor sogenannten "mass incidents" (Streiks, Proteste, Demos usw.) zurückweicht und vordergründig Kompromisse eingeht, scheint sie an ihrer harten Repression wenig geändert zu haben. Mehr Infos dazu hier.

Diese Woche wurde folgende Story bekannt: Ein Aktivist der Internetseite chinaworker.info, die viel über Arbeitskämpfe in China berichtet, wurde von der Geheimpolizei verhaftet und sein Computer beschlagnahmt. Ihm wurden 10 Jahre Gefängnis angedroht. Die Geheimpolizei liess ihn aber wieder frei, wenn er versprach, unter den chinaworker.info-Leuten in Hong Kong als Spitzel zu arbeiten. Er stimmte zu, worauf ihm die Polizei Reisepapiere ausstellte und 470 Dollar aufs Konto überwies. Statt zu spionieren, bereitete er in Hong Kong zusammen mit Verbündeten die Flucht vor. Er flüchtete dann mithilfe der Botschaften und einigen linken Parlamentsmitgliedern der betreffenden Länder über Irland nach Schweden, wo er Asyl beantragte und auch erhielt. Schön! :)

Hier ein Fernsehbericht:



Auch interessant an diesem Bericht ist der Kommentar von dem ehemaligen Geheimpolizeimitglied Li Fengzhi, der denkt dass die chinesische Kommunistische Partei bald abdanken wird und dass viele Spione das begreifen würden und sie deshalb nicht mehr unterstützen.

Quelle: http://libcom.org/blog/state-repression ... a-15022012
die opfer und die täter
kommen heute etwas später
das schlachten ist verschoben
anweisung von oben

Kuddel
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Re: Aufstände in Algerien, Tunesien und Co.

Beitrag von Kuddel » 30 Apr 2012, 11:42

Die Medien haben den Arabischen Raum weitgehend abgehakt. Tunesien und Ägypten haben ihre "Revolution" gehabt und das Thema ist durch.

Aber Prozesse, die man mit dem Wort "Revolution" beschreiben könnte, haben in Wirklichkeit erst begonnen...
Unruhen nach versuchter Selbstverbrennung in Algerien

Nach der versuchten Selbstverbrennung eines Arbeitslosen ist es im Norden Algeriens zu Unruhen gekommen. Polizisten hätten Tränengas gegen Jugendliche eingesetzt, die mit Steinen geworfen und Reifen in Brand gesetzt hätten, berichteten Bewohner der Stadt Jijel.


Algier. – Der Mann hatte sich aus Protest gegen den Abriss seines improvisierten Ladens mit Benzin übergossen und angezündet, wie die Nachrichtenagentur APS meldete. Er wurde in ein Spital in Jijel im Norden Algeriens gebracht und dann in eine Spezialklinik nach Constantine verlegt.

Die Randalierer schossen demnach mehrere Projektile auf den Sitz der Präfektur und zündeten das regionale Hauptquartier der Regierungspartei Nationale Befreiungsfront (FLN), wo zahlreiche Polizisten im Einsatz waren. Die Jugendlichen plünderten das Büro eines Reiseveranstalters und setzten es in Brand. Ausserdem verwüsteten sie parkende Autos.

Seit Januar 2011 hatte es in Algerien mehrere Fälle von Selbstanzündungen gegeben. Eine Selbstverbrennung im Dezember 2010 hatte im Nachbarland Tunesien die Revolte ausgelöst, die am 14. Januar 2011 zum Sturz der Regierung führte, und die Volksaufstände des Arabischen Frühlings auslöste.

In der Hauptstadt Algier gingen am Sonntag rund 200 junge Behördenmitarbeiter auf die Strasse, um gegen befristete Arbeitsverträge zu protestieren. Sie drohten, die Parlamentswahl am 10. Mai zu boykottieren, wenn sie keine unbefristeten Arbeitsverträge erhielten.

Die Demonstranten gaben an, für insgesamt 600'000 junge Leute zu sprechen, die landesweit auf der Basis von Kurzzeitverträgen für den Staat arbeiten. Sie warfen der Regierung vor, auf diese Weise die Arbeitslosenzahlen zu manipulieren.

Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Algerien laut dem jüngsten Länderbericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) bei 21 Prozent. Sie betrifft einen Grossteil der Bevölkerung: Etwa zwei Drittel der Einwohner des nordafrikanischen Landes sind jünger als 35 Jahre. (sda)
http://www.suedostschweiz.ch/politik/un ... g-algerien

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Re: Aufstände in Algerien, Tunesien und Co.

Beitrag von Kuddel » 29 Jan 2013, 20:03

Es wird wieder spannend...
Die Krawalle gehen auch am Montag in mehreren Städten weiter. Direkt nach Mursis Drohrede hatten mehrere Oppositionsgruppen neue Proteste angekündigt. Inzwischen gibt es aber auch eine Vielzahl an kleinen, gewaltbereiten Splittergruppen, bei denen nicht immer klar ist, wer dahinter steht. Der Kontrolle der etablierten politischen Anführer scheinen sich viele davon zu entziehen, was es schwierig macht, die Situation wieder zu deeskalieren.

Wie schwer sich die Regierung damit tut, die öffentliche Sicherheit in Ägypten wiederherzustellen, zeigen die drastischen Maßnahmen, zu denen das Kabinett am Montag griff. So wurde beschlossen, dass nun im ganzen Land Soldaten die Aufgabe von Polizisten übernehmen können. Wer vom Militär verhaftet wird, soll allerdings einem zivilen Gericht überstellt werden und nicht den gefürchteten Militärgerichten. Die neue Verfassung erlaubt es der Armee nach wie vor, Zivilisten vor Militärgerichte zu stellen.

Der Einsatz des Militärs sowie das Verhängen einer Ausgangssperre in drei Städten dürfte bei vielen Ägyptern verhasste Erinnerungen wecken. Den wütenden Protesten gegen Mursi, die ihm vorwerfen, mit Kräften des alten Regimes gemeinsame Sache zu machen, dürfte dies weiter Auftrieb geben.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/a ... 80037.html
„Unsere Ideen sind kugelsicher“, heißt es da. Ihre Mission sei es, die regierenden Muslimbrüder herauszufordern. „Wir sind nie zufrieden, bis die Rechte wieder an ihre Besitzer zurückgegeben werden.“ Die Gruppe ist seit dem Wochenende in mehreren ägyptischen Städten präsent. Die Mitglieder sind gewaltbereit und sprechen kaum – vor allem nicht mit Journalisten.
http://kurier.at/politik/ausland/kugels ... /2.929.306



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bebop
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Türkei: Revolte gegen die AKP

Beitrag von bebop » 01 Jun 2013, 17:33

Die geplante Überbauung eines Parkes hat in Istanbul zu massiven Protesten geführt. Das verdient Aufmerksamkeit:
occupygezy - Der türkische Frühling

Was als eine der zahlreichen Proteste in Istanbul gegen Aufwertung und Vertreibung begann, hat sich zu nun einer Revolte gegen das AKP Regime entwickelt. Die Kämpfe gegen Aufwertung und Vertreibung haben in Istanbul eine lange Geschichte, schon Jahre bevor in Deutschland die Diskussionen um gentrifidingbums begannen, wehrten sich die Bewohner vieler Viertel in Instanbul teilweise gut organiert und mit aller notwendiger Konsequenz dagegen, vertrieben zu werden.

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Regelmäßig kommt es dabei in den Vierteln zu Kämpfen mit den Sondereinheiten der Bullen, die mit Steinen und Molotows eingedeckt werden, Selbstorganisierung und Sabotage sind alltägliche Praxis. So werden z.B. regelmäßig Sendemasten des Mobilfunknetzes mit Brandsätzen oder anderen Mitteln außer Betrieb gesetzt, um das Viertel für "Besserverdienende" unattraktiv zu halten.

Die AKP, der es gelungen ist, das Militär aus "der Politik" zu drängen, einen neoliberal unterfütterten Wirtschaftboom in Gang zu setzen und dabei trotzden Schritt für Schritt die Gesellschaft zu "islamisieren", gerät nun in arge Bedrängnis. Eben noch als "Erfolgsmodell" und Vorbild für einen "Transformationsprozess" in Nordafrika gefeiert, sieht sie sich nun landesweiten Protesten ausgesetzt.

Nach den gestrigen heftigen Kämpfen in Istanbul, die den ganzen Tag andauerten und die Zehntausende auf den Strassen sahen, griffen die Bullen heute am frühen Morgen eine Gruppe von mehrere hundert Menschen massiv mit CN an, die über die Bosperus Brücke zogen, um den Menschen rund um den Gezi-Park am Taksim-Platz zur Hilfe zu eilen. Vergeblich..., wenige Stunden später zog eine riesige Menschenmenge von zehntausenden Menschen über die Brücke.

Derzeit kommt es zu neuen heftigen Kämpfen in der Innenstadt, Schwerpunkt ist die Istiklal Strasse, wo eine grosse Menschenmenge versammelt ist, Barrikaden gebaut werden. Die sonst verfeindeten Ultras von „Vamos Bien“ (Fenerbahçe), „Çarşı“ (Beşiktaş) sowie „UltrAslan“ (Galatasaray), die schon gestern an den Kämpfen teilgenommen und den Sondereinheiten der Bullen einige Probleme bereitet haben, haben für heute in einer gemeinsamen Stellungnahme zur Teilnahme an weiteren Protesten aufgerufen.

Auch aus Ankara, wo die Bullen gestern einen Marsch zur AKP Zentrale mit massiven CN Einsatz angegriffen haben, werden gerade neue Kämpfe gemeldet.


Es folgt ein Bericht von contra info von Freitagabend:
Die Besetzung des Taksim Gezi Parks in İstanbul begann am 28. Mai 2013. Nach einem Angriff der Polizei in dem Gebiet des Parks am 30. Mai haben Hacker von RedHack die Homepage der Beyoglu Polizeistation als Antwort auf den morgendlichen Angriff sabotiert.

Die Besetzung blieb weiterhin bestehen und tausende Menschen versammelten sich, um sich kollektiv den Plänen der Regierung (ein Shopping-Center zu errichten und den Park zu zerstören) zu widersetzen. Es entwickelte sich schnell zu einer der größten Mobilisierungen der letzten Jahre mit sehr verschiedenen Teilnehmenden (von radikalen AktivistInnen bis zu NGOs usw.), die der weltweiten Occupy-Bewegung glich.

Am 31. Mai begannen Straßenschlachten ab 5 Uhr morgens in Istanbul. Der Widerstand wuchs weiter, während die Polizei eine unglaubliche Anzahl von Tränengaskanistern abfeuerte. Vor einem weiteren Durchgreifen zogen auch nun UnterstützerInnen von drei zentralen Fußballvereinen (Besiktas, Galatasaray, Fenerbahce) vereint in die Straßen. Die Auseinandersetzungen setzten sich fort bis in den späten Abend. Die Anzahl der Menschen in den Straßen war enorm. Tausende von Menschen versuchten in welcher Art auch immer den Taksim Platz zu erreichen. Selbst nach 16 Stunden Straßenkampf, gehen die Auseinandersetzungen weiter.

Mittlerweile ist der Tod eines Mannes aufgrund eines Herzanfalls zu beklagen, dessen Tod nach Informationen von Angehörigen jedoch nicht in direktem Zusammenhang mit den Gasangriffen der Polizei steht. Nach noch unbestätigten Berichten wurden auch zwei weitere Personen auf dem Taksim-Platz getötet: eine junge Frau, die Berichten zufolge starb, nachdem ein von Cops abgefeuerter Gaskanister an ihrem Kopf explodierte, und eine weitere junge Frau, die ums Leben gekommen sei, nachdem sie von einem Wasserwerfer überfahren wurde.

Mindestens 6 Protestierende haben schwere Kopfverletzungen erlitten und müssen sich in intensive Behandlung begeben. Weiterhin wurden mehr als 100 Protestierende verletzt, die im Krankenhaus behandelt werden mussten. (unter ihnen auch Abgeordnete und Journalisten).

In der Zwischenzeit wurden Dutzende von Cops festgenommen. Während des Tages durchsuchten die Polizeikräfte ständig Menschen und nahmen jene fest, die Gasmasken, Antazidium, Zitronensaft dabeihatten, um sich selbst vor den Effekten der riesigen Menge von Tränengas zu schützen. Um besser verstehen zu können, was passiert, ist es wichtig zu wissen, dass sich das Militär nicht gegen die Protestierenden richtet.

Die anfänglichen Proteste haben sich in einen breiten Aufstand verwandelt, der seine Ziele jenseits von umweltbezogenen Forderungen steckt. Inzwischen wurden die Entwicklungen vollständig von lokalen Massenmedien vereinnahmt (einer der „alternativen“ Kommunikationskanäle, der derzeit benutzt wird ist #occupygezi auf Twitter und andere Hashtags).

Die Proteste haben sich landesweit ausgebreitet und es gibt Solidaritätskundgebungen in verschiedenen türkischen Städten mit den unterdrückten Menschen aus Istanbul. Demonstrationen wurden auch in Holland, Deutschland und anderen Ländern Europas anberaumt.

Die GenossInnen in der Türkei schätzen die Lage so ein, dass dies einer der größten Aufstände der letzten Jahre ist. Straßenkämpfe gehen weiter heute Nacht aus jeder Richtung des Taksim-Platzes. Niemand geht nach Hause. Es sieht aus, als wenn alle bis zum Morgen in den Straßen bleiben.

Verbreitet die Nachricht.
https://linksunten.indymedia.org/de/node/87731
Arroganz ist die Kunst, auf die eigene Dummheit stolz zu sein.

Kuddel
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Turkey's Burning!

Beitrag von Kuddel » 05 Jun 2013, 10:51

Bilder von den Auseinandersetzungen:
http://delilimvar.tumblr.com/archive

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bebop
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Registriert: 01 Jul 2009, 12:33

Frühling in Bosnien und Herzegovina

Beitrag von bebop » 09 Feb 2014, 13:24

Vor fünf Tagen begannen in der bosnischen Stadt Tuzla Proteste, die sich rasch auf andere Städte ausbreiteten. Ausgelöst wurden sie durch neue Massenentlassungen in Fabriken der Industriestadt. Früher hatten die Betriebe dem Staat gehört, aber seit dem Ende des realsozialisischen Jugoslawiens wurden sie privatisiert, von den neuen Besitzern ausgeschlachtet und zunehmend geschlossen.

Die Prosteste richten sich offenbar gegen die allgemeinen Lebensbedingungen, die mit der hohen Arbeitslosigkeit (27-47%) und der verbreiteten Korruption in Geschäfts- und Regierungskreisen zusammenhängen. Die Protestierenden fordern angeblich den Sturz der Regierung.

Hier einige Artikel:
Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/2014_Bosn ... cial_riots
Libcom: http://libcom.org/news/protests-bosnia-07022014
Aljazeera: http://www.aljazeera.com/indepth/opinio ... 98443.html

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Mir scheint die Bewegung immerhin hoffnungsvoller ausgerichtet als die in der Ukraine, wo die Hoffnung in neue Politiker dominiert und Neonazis sich scheinbar erfolgreich als solche präsentieren können oder zumindest neue Anhänger rekrutieren: http://libcom.org/news/neo-nazis-far-ri ... e-23012014 / http://libcom.org/blog/ukraine-whats-go ... n-03122013
Arroganz ist die Kunst, auf die eigene Dummheit stolz zu sein.

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