Schweiz: Reise durch ein geteiltes Land

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bebop
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Schweiz: Reise durch ein geteiltes Land

Beitrag von bebop » 23 Sep 2015, 21:01

Der folgende Artikel erschien vor Jahren mal im Tagesanzeiger-Magazin. Ich hab ihn offline gespeichert und wollte ihn dann mal auf chefduzen hochladen (das Original ist inzwischen nicht mehr online).

Er beschreibt die Lebenswelt der 'kleinen Leute' in diesem Land recht gut. Arbeit, Fleiss, Eigenverantwortung, Stabilität sind für Viele heilige Werte und gelebte Wirklichkeit. Dass die Welt ausserhalb dieser "Schneekugel" oftmals nur in den Nachrichen sichtbar wird (und die berichten ja vor allem über Terrorismus, Wirtschaftskrise usw.), erklärt teilweise den Erfolg der fremdenfeindlichen Initativen.

(Und wenn "man" mal "ins Ausland" geht, dann in ein Touristenresort, also in die nächste Schneekugel...)
Reise durch ein geteiltes Land
Mit dem Schweizbeobachter Klaus J. Stöhlker unterwegs in der A-Schweiz und der B-Schweiz

Text Martin Beglinger
Bilder Andri Pol

Wer das liest, ist, sorry, B-Schweizer. Denn A-Schweizer lesen keine Schweizer Zeitungen, sondern die «Financial Times» und das «Wall Street Journal». Aber jetzt bitte nicht gleich mit dem Lesen aufhören, nur weil der Mann, der das sagt, Klaus J. Stöhlker heisst.

Der Zürcher Berufsprovokateur, der es schon immer liebte, Dinge auszusprechen, die andere lieber nicht hören wollen, sagt nämlich durchaus ein paar Dinge, worüber sich nachzudenken lohnt. Zum Beispiel über seine These, dass dieses Land in eine A- und eine B-Schweiz gespalten sei.

A, das ist für Stöhlker die Holdingschweiz, Sitz der globalisierten Konzerne wie Nestlé, Novartis oder Holcim; hinzu kommen die Grossbanken, Wirtschaftsanwälte, Treuhänder, die Top-Universitäten sowie die exportstarken Hightech-KMU. Der grosse Rest: B-Schweiz. B ist das altbekannte Land der Vereine und der Gemütlichkeit — die Rivellaschweiz.

Dieses Bild hat Stöhlker zum ersten Mal vor vier Jahren geprägt (im «Tages-Anzeiger»), und seither sieht er die Kluft zwischen A und B wachsen, jeden Tag, unaufhaltsam. Zeit also für eine kleine Schweizreise.

Treffpunkt ist Zollikon, schön, aber ausgestorben an diesem Sommermorgen. Nur Stöhlker sitzt auch mit 71 Jahren munter wie immer im Büro, seine feuerrote Krawatte leuchtet schon von weitem. Vor ihm hängt ein Roschacher (ja, der malende Ex-Bundesanwalt), neben ihm steht griffbereit seine «Notbibliothek» mit Wälzern über Guerillakriege und psychologische Kriegsführung. Der Mann liess in 40 Jahren bekanntlich keine PR-Schlacht aus, doch jetzt haben seine Söhne den Laden übernommen, und der Senior hat umso mehr Zeit für sein Herzensprojekt, für die Schweiz, auch wenn die sich leider nicht beraten lasse, «sie hat ja keinen CEO».

Dann gehts los in seinem neuen schwarzen Range Rover mit den cremefarbenen Ledersitzen, ohne Rücksicht auf Verluste. Auch sein Zollikon schont er nicht. Ein Teil der Zürcher Goldküste sei bereits in die B-Klasse abgerutscht. Viele alte Freisinnige, A-Klasse von einst, hätten Stellung und Status verloren und seien von den neuen A-Schweizern verdrängt worden, von Russen und Kasachen, von Milch-Müller und von «Doktor Christoph Blocher», wie Stöhlker den SVP-Strategen konsequent nennt, den er schon lange im Verdacht hat, er fraternisiere mit der B-Schweiz, um seine Pfründen in der A-Schweiz zu sichern.

Wir fahren vorbei an 150-Quadratmeter-Appartements für 7000 Franken Monatsmiete, die sich A-Schweizer locker leisten könnten, während die B-Nachbarn in günstigere Gegenden zügeln müssten. Bei ihm auf dem Zollikerberg, wo er seit Jahren lebt, ist offenbar die Angst eingezogen. «Man strampelt sich ab und bangt um den Anschluss an die A-Schweiz.»

Es geht weiter Richtung Meilen, vorbei an den Villen junger «Rentiers», die zwar viel geerbt hätten, bloss leider nicht das Talent ihrer Eltern. Er hält wenig von den vielen Erben (ausser natürlich von seinen eigenen): Zu viele von ihnen verplemperten ihr Leben im geerbten Luxus, anstatt produktiv zu werden und das Land voranzubringen. «Das ist Dekadenz, ganz klar.» Da ist ihm der spanische Delikatessenhändler sehr viel näher, an dessen Auslage wir eben vorbeifahren: ein Mann, der sich hochgearbeitet hat und heute die A-Schweiz vor Ort mit Hummer und Pata negra beliefert.

Wir nehmen die Fähre über den Zürichsee nach Horgen, fahren an der Firma eines weiteren «unfähigen Erben» vorbei, dann gehts hoch zum Hirzel, der nächsten wunderbaren Hügellandschaft, die laut Stöhlker «verwollerauen» und zum Wohnresort für A-Schweizer wird, die in Zürich mit Derivaten handeln oder mit Diamanten in Zug.

«Menschenverachtend!»


Stöhlker spricht mit der Nüchternheit eines Buchhalters, wenn er das Land in A und B einteilt; umso lauter rufen seine Kritiker zurück: «Arrogant!» «Unschweizerisch!» «Menschenverachtend!»

«Moment!», ruft er zurück, er finde diese Spaltung ja keineswegs gut, er stelle sie nur nüchtern fest. Stöhlker, vor 40 Jahren aus Deutschland hierher gezogen und längstens eingebürgert, versteht sich als «grosser Patriot und überzeugter Direktdemokrat», eine monacoisierte Schweiz in Europa fände er «schlicht grauenhaft — und langweilig». Geradezu sentimental wird er hingegen, wenn er von den Walliser Bergbauern schwärmt, wie sein Schwiegervater einer war.

Doch wo steht er nun wirklich in seinem System? Stöhlker lächelt. «Ich bin ein B-Schweizer in Diensten der A-Schweiz.» Möglich, dass das auch ein gutes Stück PR ist, denn A-Namen tauchen nicht allzu viele auf in seiner Referenzenliste. Zumindest sein Honorar war jedoch offensichtlich A-mässig in seinen aktiven Zeiten, nämlich «7000 Franken pro Tag».

Das hält er für seinen grossen Vorteil als Schweizbeobachter: Er kennt nicht nur beide Seiten, sondern ist auch reich und frech genug, um jedem seine Meinung zu sagen — selbst wenn er damit alle nervt. «Der Wunsch, beliebt zu sein, hat bei mir sowieso noch nie existiert», sagt er, und diesmal lacht er laut.

Ob es uns passe oder nicht, an einer Tatsache komme keiner vorbei: «Die A-Schweiz wächst, die B-Schweiz schrumpft.» Eigentlich sei B schon überholt, und als jüngsten Kronzeugen dafür zitiert er Kaspar Villiger («auch ein B-Schweizer in A-Diensten»), der als UBS-Präsident sagte, die 67 grössten börsenkotierten Schweizer Unternehmen seien mehrheitlich unter ausländischer Kontrolle, in erster Linie über die Aktionäre und in zweiter über das Management. Stöhlker kann auch die «NZZ am Sonntag» zitieren, die kürzlich unter dem Titel «Ausländer auf Überholspur» schrieb, dass von den 50 grössten börsenkotierten Schweizer Firmen gerade noch 21 von einem Schweizer geleitet werden. 2001 waren es noch 33. Und dieser Trend werde anhalten.

Wir passieren Sihlbrugg, das früher aus einem Löwenkäfig, zwei Garagen und drei Beizen bestand und heute ein Einfallstor zur A-Schweiz ist, wo auch Wirtschaftsanwälte ihre Kanzleien führen. Von dort gehts hinunter nach Baar, jenem seltsamen Ort, der sich noch immer offiziell «Gemeinde» nennt, für Stöhlker aber «die modernste Stadt der Schweiz» ist. 22 000 Menschen wohnen hier, doch wir sehen mehr Baukrane als Leute auf der Strasse. Hightechfassaden stehen neben bröckelnden Blöcken aus den 60er-Jahren. Schliesslich halten wir vor einem Hauptquartier der A-Schweiz, Glencore International. Weiss und kühl ist der Sitz des grössten Unternehmens der Schweiz, das 2011 einen Umsatz von 175 Milliarden Franken machte, fast dreimal so viel wie der Haushalt der Eidgenossenschaft, in Baar aber weniger Mitarbeiter (380) beschäftigt als die Gemeinde (457). Diese wenigen sind allerdings so hoch spezialisiert, dass Einzelne von der Konkurrenz abgeworben werden wie Spitzenfussballer.

Die «alte Schweiz» liegt gleich auf der anderen Strassenseite, wo Schreiner und Spengler handwerken und wir mit dem Range Rover am Strassenrand stehen und zur Glencore-Einfahrt hinüberschielen. Die B-Schweiz hat hier keinen Zutritt, sie wird nur per Video überwacht. «Die A-Schweiz kommuniziert nicht, sie schottet sich ab», ärgert sich Stöhlker, der offenbar niemals in Diensten von Glencore stand. A komme nur im Notfall aus der Deckung; auch aus diesem Grund habe B keine Ahnung von A. Wir kennen Trybol, das Mundwasser des Herrn Minder, Kämpfer gegen alle Abzocker; aber wer kennt schon Vitol ausser die Leser der «Financial Times»? Und jetzt auch jene der «Handelszeitung», denn die hat am Tag nach unserer kleinen Reise errechnet, dass neuerdings Vitol das mit Abstand grösste Unternehmen der Schweiz ist, eine Ölhandelsfirma mit 279 Milliarden Franken Umsatz. An dritter Stelle kommt dann ein anderer heimlicher Riese der A-Schweiz, Trafigura, ebenfalls ein Rohstoffhändler, der mit 115 Milliarden Franken immer noch mehr Umsatz macht als Novartis und Roche zusammen.

Wie viel Steuern Glencore abliefert, das wissen nicht einmal die Zuger Regierungsräte — mit Ausnahme des Finanzdirektors sowie des Chefs der Steuerverwaltung. Und würden die sagen, wie wenig es ist, «dann gäbe es eine Revolte in der B-Schweiz», glaubt Stöhlker. Für ihn hat das Ganze System, und das geht so: Der Bundesrat und die meisten Kantonsregierungen — allesamt B-Schweizer —fördern nach Kräften, aber doch möglichst diskret die global orientierte A-Schweiz. Zum Beispiel mit Steuerprivilegien. Die Rechnung dafür bezahlt wiederum die B-Schweiz, welche mit Steuern und Gebühren die Infrastruktur finanziert, von der die A-Schweiz profitiert.

Sagt kein Juso, sondern Klaus Stöhlker. Zumindest die Finanzchefs von Novartis oder Nestlé würden hier wohl aufheulen, doch weil sie ja keine B-Zeitungen lesen, bleiben sie stumm.

Weiterfahrt nach Zug, vorbei am alten Hauptquartier von Marc Rich, dem prototypischen A-Schweizer, der hier lebt und gearbeitet hat und doch ein Phantom geblieben ist, das öffentlich höchstens mal durch das Luzerner KKL huscht. Beim Kaffee im Restaurant Dolce Vita erfreut sich Klaus Stöhlker an den «vielen elegant gekleideten Damen», die er seit 20 Jahren an der Zürcher Bahnhofstrasse vermisst. In den Chefetagen der A-Schweiz scheinen Frauen hingegen kaum vorzukommen. Eine der sehr wenigen, die sich dort etabliert haben, arbeitet in Deutschland: Barbara Kux, Geschäftsleitungsmitglied im Siemens-Konzern. Ansonsten sieht er die A-Schweiz der Glasenbergs, Vasellas, Ackermanns und Brabecks sehr männlich und total hierarchisch. Während er in der B-Schweiz immer öfter «Anzeichen von Marthalerisierung» erkennt — das Abgleiten in die Totalverschwurbelung mangels klarer Ziele — zähle im A-Sektor nur eines, frei nach Clinton: It’s the money, stupid. «Und ich kann Ihnen versichern, es weht ein kühler Wind von der A- in Richtung B-Schweiz.»

Glaubt man Stöhlker, muss man sich die Spezies der A-Schweizer als recht einsame Menschen vorstellen, deren Leben sich zwischen Firma, Villa, Ferienhaus und Flugzeug abspielt. Was diese Leute an der Schweiz interessiere, seien Sicherheit, tiefe Steuern und vielleicht noch eine schöne Stiftung, die man als Goodwill für einen guten Steuerdeal eingerichtet habe. Nicht Land und Leute — die B-Schweiz — interessierten sie, sondern der Standort. Und den kann man jederzeit wechseln oder doch damit drohen. Das Verhältnis der Schweiz zur EU, für B ein höchst emotionales Thema, sei für A so gut wie keines. «Die A-Schweiz ist schon lange in der EU — wie in der ganzen Welt.»

Es ist Mittag, die Sonne strahlt nach Kräften, und Stöhlker blinzelt auf die andere Seite des Zugersees hinüber, nach Risch, einem der bevorzugten Wohnorte der A-Schweiz. Daniel Vasella, ist immer wieder zu hören, fliege gelegentlich von hier aus mit dem Heli zu seiner Novartis nach Basel; andere, behauptet Stöhlker, flögen regelmässig rasch mit dem Heli zum Essen nach Risch: A-Schweiz-Taxis. Ob das stimmt, mag niemand bestätigen, verbürgt aber ist, dass Stöhlker selbst nicht mal mehr zu Fuss dort erwünscht ist. So wurde er von einem Rischer Hotel als Moderator eines Talks ausgeladen, als er im Oktober 2011 in seinem Blog über das Attentat von Zug mit 14 Toten geschrieben hatte: «Der traurige Vorfall (...) wurde zu Recht beweint. Nicht alle waren damals unglücklich. Mein guter Freund, der vor einer Kampfscheidung stand, verlor bei diesem Vorfall seine Frau. Dies erleichterte viel.»

«Stöhlker, jetzt bist du erledigt», prophezeiten ihm darauf Branchenkollegen. «Lächerlich», gab der PR-Mann zurück. Noch im Kalten Krieg, glaubt er, wäre er tatsächlich erledigt gewesen, weil die Schweiz damals eine geschlossene Gesellschaft war. «Aber diese Gesellschaft ist vor 20 Jahren aufgebrochen. Nur die B-Schweiz hat sich an meinen Sätzen gestört, der A-Schweiz war das egal.»

Zu Alex Capus in die B-Schweiz

Und weiter geht die Reise durchs Mittelland und tausend Aldi-Lidl-Otto’s-Lipo-Zonen, an Garagen, Pizzaständen und Pneuhäusern vorbei, bis wir in Olten ankommen, für Stöhlker ein Inbegriff für die B-Schweiz. Er schlägt einen Besuch bei Alex Capus vor, dem Schriftsteller und Mitbeizer des Restaurants Flügelrad. Stöhlker bestellt einen gespritzten Weissen und versucht es gleich mit seinem Spezialcharme: «Da ist ja unser blauäugiger Normanne, Sie sehen aus wie der jüngere und erholte Depardieu.»

Ha, das mit dem Normannen habe er sicher aus Wikipedia, sagt Capus, und auch sonst bleiben die ersten Minuten am Tisch eher kühl, weil Capus gar nicht passt, dass sich hier einer anmasst, Menschen «in bessere und schlechtere Kategorien» einzuteilen. Doch die Stimmung bessert sich rasch, je deutlicher für den Schriftsteller und früheren SP-Präsidenten von Olten wird, dass sich die Chiffren A und B auch ersetzen lassen: durch Abzocker-Schweiz und Büezer-Schweiz.

«Die Realschweiz, die ich täglich in meinem Restaurant sehe, ist mir lieber. Ihre A-Schweiz wäre nirgends ohne die SBB und die Leute da draussen, die die Bahnen am Laufen halten», sagt Capus. «Und wo wären die A-Grossbanken, wenn sie nicht von den Steuerzahlern der sogenannten B-Schweiz gerettet worden wären?»

«Völlig einverstanden!», sagt Stöhlker und wiederholt freudig seine These, wonach es die B-Schweiz sei, die die Infrastruktur der A-Schweiz finanziere, weil Letztere kaum Steuern bezahle.

«Ja, Herr Stöhlker, dann müssten Sie doch wie die SP gegen die Pauschalbesteuerung von Ausländern sein ...»

«Selbstverständlich! Ich habe ja sogar mitgeholfen, dass wir diese Abstimmung im Kanton Zürich gewonnen haben.» Er habe in seinem Leben «viel mehr Steuern als mancher pauschalbesteuerte Superreiche» bezahlt, sagt Stöhlker, «wir brauchen dringend wieder mehr Steuergerechtigkeit». Womit der Gipfel der unerwarteten Harmonie im Flügelrad erreicht ist.

Als Capus aber auch noch «die guten alten klassischen Rezepte der Sozialdemokratie» in diesen Krisenzeiten empfiehlt, muss Stöhlker passen. Steuerharmonisierung? Erbschaftssteuer für die «Rentiers»? Das dann doch nicht. Ein Sozi war und wird er nicht, obwohl er seinen erstgeborenen Sohn zu Ehren von Castro Fidel taufte (allerdings nicht, weil Castro Kommunist ist, sondern weil er 50 Jahre den Amerikanern widerstanden hat).

Wo sich das so ungleiche Paar am Tisch aber bald wieder annähert: beim Thema der direkten Demokratie. Denn die brisanteste Schnittstelle zwischen A- und B-Schweiz ist das Stimmlokal. In den grossen Büros mag die A-Schweiz den Ton angeben, an der Urne ist die B-Schweiz übermächtig. «Das macht die Sache sehr unberechenbar», sagt Stöhlker, während Alex Capus schon lange hofft, dass das «Pendel nach der neoliberalen Gehirnwäsche» endlich auf diesem Weg zurückschlage. Zum Beispiel mit Minders Abzockerinitiative. Oder mit der Personenfreizügigkeit, die A unbedingt will, B aber immer weniger, weil die national ausgerichtete B-Schweiz zunehmend ausländerkritisch sei, wie Stöhlker sagt. Darauf zitiert er wieder mal Kaspar Villiger mit den 67 grössten Schweizer Firmen, die längst nicht mehr unter Schweizer Kontrolle sind.

«Mich interessiert das nicht. Und es ist auch nichts Neues», sagt Capus. «Nestlé, Bally, Brown, Boveri — lauter Ausländer, ich habe schliesslich ein Buch über diese Patriarchen geschrieben.»

«Stimmt», sagt Stöhlker. «Aber im Unterschied zu diesen Leuten tragen die A-Schweizer von heute nichts zur Gemeinschaft bei, sie profitieren nur von ihr.» Das ist wiederum ein Steilpass für Alex Capus, den grossen Freund der Kleinstadt*, der in seinem Olten «das alte, selbstbewusste Bürgertum» vermisst, das sich für seine Stadt engagierte und mit eigenem Geld ein Theater finanzierte, als es eines haben wollte.

Heute dagegen sieht er nur noch «ein Funktionärsbürgertum» am Werk. Und deswegen, meint Stöhlker, sei Olten für ihn das Beispiel einer Stadt, wo die A-Schweiz fehle und die B-Schweiz still und langsam ausblute.

«Ihre Analyse ist mir gar nicht so unsympathisch — mal abgesehen von der Terminologie», sagt Capus am Schluss zu seinem Gast, ehe wir zahlen und das gemütliche Flügelrad wieder Richtung Zürich verlassen.

Nächster Halt: Dulliken, ein Vorort von Olten. Zufallsbegegnung in einem Einfamilienhausquartier, wo Frau Lanz und das Ehepaar Bonnemain gerade ihre Vorplätze säubern. «Das ist doch dieser PR-Dings aus dem Fernsehen», sagt Frau Lanz, als Stöhlker sich nähert, und schon sind wir im Gespräch. Die drei Pensionäre fühlen sich wohl hier, wo sie seit Jahrzehnten leben und nie hätten tauschen wollen, auch wenn Dulliken schon lange nicht mehr das Bauerndorf ihrer Jugend ist. Schon Olten ist ihnen zu hektisch, dort gebe es «nur noch Lumpenläden und Kebabbuden». Nach Olten, sagt Frau Lanz, fahre sie nur noch zum Zahnarzt.

Ihre Kinder: alle fort; in Frauenfeld, Zürich, London. Aber alle auf gutem Weg, wie die Eltern betonen — und fliege ihre Tochter als Flight Attendant der Swiss über Dulliken, dann sei sie ganz besonders stolz, erzählt Frau Bonnemain.

«Haben Sie Angst vor der Zukunft? Reicht das Geld?», will Klaus Stöhlker wissen.

Angst nicht, aber für grosse Sprünge reiche es sicher nicht, wenn der Ehemann mit 58 ohne Abfindung in die Frühpensionierung geschickt wird. «Wir müssen gut einteilen, dann reichts», sagt Frau Bonnemain. Und Frau Lanz ergänzt: «Ich sagte meinen Kindern immer, ihr müsst nicht reich werden, sondern lebenstüchtig. Sie leben wie wir: keine Schulden, Verantwortung für die Familie, selber das Möglichste machen und den Rest dem Chef überlassen, ohne zu frömmeln.»

Diese drei Dulliker, erklärt Stöhlker, zurück im Range Rover, seien ihm vorgekommen «wie die Idealschweizer aus dem Mittelstand». Das Herz der B-Schweiz. «Sie waren ihr Leben lang fleissig, haben Ordnung gehalten in ihrem familiär-sozialen Umfeld, sie leben in einer Idylle, die sie zu sichern suchen, und fangen die schleichende Verschlechterung der Lebensumstände durch Bescheidenheit auf. Aber», und jetzt kommt wieder der mitleidlose Blick des Analytikers, «diese Menschen haben nicht die geringste Ahnung, wie sich die Schweiz und Europa tatsächlich entwickeln. Daraus entsteht dieses falsche Bewusstsein von Stabilität.» Spätestens in 20 Jahren sieht Stöhlker die «soziale Eisscholle» weggeschmolzen, auf der sich die ältere Generation der B-Schweiz in einem weltweit einmaligen Wohlstand eingerichtet habe. Was für die Jüngeren folge: weniger Einkommen, weniger Arbeitsplatzsicherheit, mehr Konkurrenz.

Es ist Abend geworden, wir sind zurück in Zürich, fahren am Mobimo-Tower vorbei, dem jüngsten und höchsten A-Symbol, «wo die Wirtschaftsanwälte Stundenlöhne von 1000 Franken verrechnen». Dann kommen die Prostituierten am Sihlquai, die schon ab 50 Franken zu haben sind. Es ist das letzte Bild, das sich uns bietet, ehe der B-Schweizer in A-Diensten den B-Schreiber der B-Zeitung aussteigen lässt und in seinem Range Rover Richtung Zollikon entschwindet. •

*Alex Capus’ neustes Buch heisst «Skidoo. Meine Reise durch die Geisterstädte des Wilden Westens» und ist bei Hanser erschienen.

Martin Beglinger ist stv. Chefredaktor des «Magazins».
Der Fotograf Andri Pol arbeitet regelmässig fürs «Magazin».
Arroganz ist die Kunst, auf die eigene Dummheit stolz zu sein.

Ping Pong
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Registriert: 09 Dez 2011, 13:15

Re: Schweiz: Reise durch ein geteiltes Land

Beitrag von Ping Pong » 11 Dez 2016, 19:17

234'000 Schweizer Kinder leiden unter Armut – manchen fehlt sogar das Essen
Kein Geld für Geschenke zur Weihnacht


Für fast 16'000 Kinder und Jugendliche in der Schweiz gibt es nicht jeden Tag eine vollständige Mahlzeit. Die Zahl junger Menschen – vom Kleinkind bis zum 18-Jährigen, die teils unter mas­siven Entbehrungen zu leiden haben, liegt bei 234'000. Das bedeutet: keine Ferien, kein Platz zum Hausaufgabenmachen, kein Sportverein, keine Geburtstagsfeier!

Jedes zwanzigste Schweizer Kind lebt bereits in Armut, eines von sechs steht kurz davor.


«Kinder, die von Armut betroffen sind, leiden. Sie sind ausgegrenzt und haben schlechtere Entwicklungschancen», sagt Lucrezia Meier-Schatz (64), bis 2015 CVP-Nationalrätin und 25 Jahre lang Geschäftsführerin von Pro Familia. «Die Folgekosten der Defizite sind noch viel grösser. Einige von ihnen belasten später wiederum die Sozialhilfe.»

Die Zahlen, die das Bundesamt für Statistik jetzt kurz vor Weihnachten veröffentlichte, stehen für Menschen, die sich aus Scham verstecken. Gäben sie sich als arm zu erkennen, müssten sie die all­gemeine Ächtung fürchten – im Dorf, im Laden, in der Schule.(...)
http://www.blick.ch/news/schweiz/234000 ... 79781.html

Es folgen dan Schilderungen von Einzelfällen. Dann...
PS: Falls Sie den Familien helfen wollen, schreiben Sie an redaktion@blick.ch. Betreff: Armut.

Update: Die Hilfsbereitschaft der BLICK-Leser ist überwältigend. Wir haben bis Mittag schon 150 E-Mails erhalten - und werden die jetzt nach und nach bearbeiten. Herzlichen Dank!
Das ganze mag zwar menschlich rührend sein, ändert aber nichts an der wachsenden Armut.

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