Interview mit einem ehemaligen Sex-SMS-Arbeiter

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Hydra
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Interview mit einem ehemaligen Sex-SMS-Arbeiter

Beitrag von Hydra » 03 Feb 2010, 13:12

Ich hab aus dem englischen ein Interview mit einem ehemaligen Sex-SMS Arbeiter übersetzt (lange hats gedauert 8-) ). Die Quelle hab ich unten verlinkt.

Der interviewte heisst Jack.
Er arbeitete im 2005 für eine Sex-Text Firma in England.


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Für was für eine Firma hast du gearbeitet? Wie lange?

Die Firma für die ich gearbeitete habe lief unter dem ebenso ansprechenden wie raffinierten Namen ‚Box-69'. Die Firma machte „Sex-Texting“ - im Grunde schrieben dir Leute sexuelle Messages (welche du auf einem Computer, in einem Chatroom-ähnlichen Interface, empfingst), und du musstest antworten – die Mitteilungen gingen direkt auf ihre Mobiltelefone. Natürlich waren hatten diese Messages, von wenigen Ausnahmefällen abgesehen, einen extrem sexuellen Charakter. Die Firma bekam die meisten ihrer Kunden durch ein tägliches Inserat im Daily Sport, aber handelte unter verschiedenen Namen - wie zum Beispiel 'Local Girls 4 U'. Mir fehlte das Durchhaltevermögen und ich blieb nur für etwa 3 Monate Vollzeit dort, bevor es mir ernsthafte Probleme machte und ich es aufgeben musste.

Wie und wieso hast du diesen Job gewählt?

Ich wählte ihn vor allem weil ich das Geld brauchte! Ich war ziemlich deprimiert und einige Monate arbeitslos gewesen, als mir ein Freund davon erzählte. Logisch, am Anfang tönte es lächerlich – ich sollte zuhause sitzen, vorgeben ich sei ein Mädchen und Typen beim wichsen animieren. Und das ganze für (wie ich das sah) für gar nicht soo schlechte Bezahlung. So suchte ich nach einigen Firmen im Internet, füllte einen „Test“ aus (hauptsächlich in einer 'sexy' Art und Weise auf ein paar vorgegebenen Fragen antworten), und bekam den Job. Wahrscheinlich vielmehr aufgrund meiner Fähigkeit, schnell und korrekt zu tippen, als dass ich irgendwie besonders sexy gewesen wäre! Ich schickte einen Scan des Passes eines (weiblichen) Freundes, um zu 'beweisen', dass ich über 18 war – Ich dachte ich musste vorgeben, weiblich zu sein, aber im wenn ich jetzt zurück schaue, bezweifle ich sehr, dass sie das interessierte. Als ich den Test geschrieben habe wartete ich eine Woche auf ihre Antwort und schon war ich dabei!

Was war der eigentliche Inhalt des Jobs?

Die Arbeit ging so: Du hattest eine Anzahl Kunden (normalerweise 4-6) gleichzeitig am Schirm. Für jedes SMS das sie dir schickten, konntest du ihnen mit bis zu drei antworten. Ich bekam um die 10 Pence für jeden Text den ich schickte – dem Kunden für jedes £1.50 berechnet (der Telefonanbieter nahm etwa einen Drittel davon, der Rest ging an den Arbeitgeber). Wie es ging, hing davon ab, wie oft der Kunde dir geschrieben hatte. Wenn du einen 'neuen' Kunden dran hattest, war es ziemlich einfach – du kreierst eine Persönlichkeit, brauchtest etwa 3 Texte, um dich vorzustellen und dich sexy erscheinen zu lassen und im Grunde deinen Charakter zu erschaffen. Dann flirtest du für ein paar mehr und schon (in fast allen Fällen) bist du am sex-texten. Ein paar Leute wollten einfach nur 'chatten' – doch das war nur eine sehr kleine Minderheit. Du musstest dir Notizen zu deinem Charakter machen, so dass du es später nicht durcheinander bringst und der Kunde merkt, dass du nicht real bist – die meisten Kunden hatten den Eindruck du wärst eine reale Person, die so versucht an Dates zu kommen, und hatten keine Ahnung davon, dass du ein Angestellter warst. Allerdings kam das auch manchmal vor, dass sie dich deswegen verdächtigten, oder meinten, du seiest eine Maschine und dann musstest du – immer noch bezahlt dafür! – ihnen Texte schreiben, um sie vom Gegenteil zu berzeugen.

Es war allerdings viel schwieriger, wenn nicht ein ‚neuer’ Kunde dran war. Wir gaben nicht nur vor, wir wären andere 'reale' Mädchen, sondern es kam auch häufig vor, dass jemand wieder schrieb und mit einem Mächen sprechen wollte, mit dem er schon zuvor gesprochen hatte. Und häufig war die Person, die als dieses Mädchen gearbeitete hatte, zu dem Zeitpunkt nicht da, und so musstest du so tun, als wärst du diese Person. Tatsächlich war die Zuteilung von Kunden fast völlig zufällig, so war die Mehrheit Kunden, mit denen du ein Gespräch von jemandem anderes weiter machst und so tust, als wärst du sie. Das war sehr viel harter, denn du musstest viel Zeit mit dem checken und updaten von Notizen verbringen. Das war unbezahlt und konnte mit Kunden, die lange, lange Geschichte hatten, sehr heikel sein. Am Anfang war es leicht, und gab ein bisschen was zu Lachen – auch als lustiges Gesprächsthema mit meinen Freunden, aber so blieb es nicht sehr lange...

Wie wurdest du für die Arbeit bezahlt?

Ich wurde mit einem Akkordlohn von 10p pro Text bezahlt. Zuerst tönte das fantastisch, vor allem, weil ich sie (durchnschnittlich 140 Zeichen) mit einer Tastatur schreiben konnte. Ich rechnete, ich könnte druchschnittlich 3-4 Texte pro Minute machen – was mehr als 20 Kröten pro Stunde bedeutete hätte. Bezahlt wurde entweder über Paypal oder direkte Banküberweisung, und ich hatte nie Probleme mit Zahlungsunregelmässigkeiten.

Die Probleme waren allerdings vielzählig. Erstens, das checken und updaten von Notizen und auch das Einholen von Informationen, die auf den Kunden zugeschnitten waren (um sie interessiert zu halten, musstest du vorgeben, lokal zu sein, also musstest du Zeug machen wie Infos über lokale Pubs anschauen ect., wenn ich gefragt wurde, wo ich gerne hingehe), das passierte aber eher fast nie, da ich nicht ständig den 'bezahlten' Teil des Jobs machte. Dazu wurde ich verlangsamt durch die (natürliche) Unfähigkeit, in meinem vollen Tempo 6 Stunden am Stück zu tippen (ich musste feste Schichten arbeiten), und auch ständig über neue Ideen nachzudenken. Es gibt halt nur so und so viele Wörter für einen Schwanz, oder so und so viele Arten, wie du von hinten genommen werden kannst, bevor du dich zu wiederholen beginnst!

Und um ehrlich zu sein: Aus diesem Grund wurde es nur noch sehr, sehr langweilig und ich konnte es nicht mehr ständig in meinem vollen Tempo machen und meine Geschwindigkeit liess nach.

Es gab auch all die bekanten Probleme mit dem Akkordlohn, so wie das Fehlen eines gesicherten Einkommens und das Nichtbezahlt-Sein für alle Arten von Unterbrechung. Ich war zum Beispiel nicht bezahlt, wenn ich auf die Toilette musste. Schliesslich, mit all dem eingerechnet, machte ich nur £3-4 die Stunde im Durchschnitt und vielleicht £6 die Stunde wenn ich stark ausgelastet war. An schlechten Tagen, an denen es nicht viele Kunden gab, machte ich sogar weniger £2 die Stunde.

Du erwähntest, dass Dinge falsch liefen. Gab es da noch was anderes ausser dem Geld und der Langeweile?

Nun, um es geradeaus zu sagen, es begann wirklich mich herunterzuziehen. Zuerst war es was Neues und ich lachte über das Konzept, dass es mich niemals 'kriegen' würde, oder dass ich es niemals als etwas anderes ansehen würde als dass ein paar traurige alte Säcke ihr Geld verschwenden würden – aber tatsächlich wurde es sehr schnell entmenschlichend.

Einige der Kunden, die ich bekam waren (wahrscheinlich) richtig kranke Bastarde. Zwei Beispiele, die mir besonders in Erinnerung blieben, waren erstens ein Typ, der mich dazu brachte, in Textform so zu tun, als würde er in meinen Mund scheissen und pissen und es danach 'mit (seinem) langen harten Schwanz hinunterdrücken würde', and der Trucker, der mich in seine Kabine nehmen und mich mit seinem Schalthebel ficken wollte. Erst dachte ich, das sei ein Euphemismus, aber dann fügte er an, dass ich seinen Penis lecken sollte, während ich das tat. Und logischerweise – denn darum geht es ja – musste ich so tun als würde ich all das geniessen. Es ist wirklich komisch, denn es ist schwierig zu beschreiben und auszudrücken, wieso es so falsch war. Ich bin sicher für viele Leute tönt es nur lustig, und auf einer bewussten Ebene war es das auch für mich. Aber zur selben Zeit machte es mich innerlich völlig kaputt und begann mich wirklich zu deprimieren.

Ich glaube das ist nicht sehr überraschend. – Ich verbrachte 6 Stunden am Tag am so tun, als wäre ich eine wertlose Fantasie, die nichts lieber hat als erniedrigt zu werden und es zu geniessen. Ich hatte keine Möglichkeit, nicht mitzumachen (kaum jemand, der rassistisch war oder etwas wie Vergewaltigung wollte, konnte abgehängt werden) oder ich würde den Job verlieren, den ich zu der Zeit dringend nötig hatte.

Es gab auch einen grossen Druck, ständig zu performen, um Kunden interessiert zu halten (das System merkte, wenn du Kunden von dem Service verlorst) und immer mehr und mehr zu schreiben – was eben seine eigenen Probleme hatte, da ich wusste, dass Leute riesige Summen Geld für den Service ausgeben und es für etwas halten, das es nicht ist. Am Schluss konnte ich es einfach nicht mehr machen, nachdem ich eine Warnungs-Email bekommen hatte, dass meine Leistung nachlasse und ich mich gewaltig verbessern müsse. Ich brauchte dringend das Geld, aber ich brachte es einfach nicht mehr auf die Reihe.

Arbeitetest du von zu Hause aus oder in einem Büro? Wenn von zu Hause aus – wie war deine Kommunikation mit anderen ArbeiterInnen oder euren Chefs?

Ich arbeitete von zu Hause aus – aus meinem Schlafzimmer nämlich! Alle Kommunikation sowohl mich Chefs als auch mit MitarbeiterInnen war elektronisch – entweder über Email, MSN Messenger (wo wir eingeloggt sein musste, wenn wir arbeiteten) oder die internen Messageboards des Systems, die natürlich stark überwacht wurden. Sie hatten auch meine Handynummer (die bei der Anmeldung verlangt wurde), sie wurde aber nie benutzt. Es wurde ein Sinn für Konkurrenzkampf gefördert (mit Preisen für die erfolgreichsten Texter) und auch wenn es ein wenig Sinn für Gemeinschaft gab, hatte ich nur wenig Kontakt mit meinen Mitarbeitern. Das war so aufgrund der Mischung, dass wir nur digital kommunizieren konnten, die Messages überwacht wurden und (für mich) die Tatsache, dass ich vorgab, ein Mädchen zu sein.

Wie viel Kontrolle hattest du über die Arbeit hinsichtlich der Zeiten, Arbeitstempo ect.?

Über das Arbeitstempo hatte ich ziemlich viel Kontrolle, und zwar vor allem weil ich ein schneller Tipper war und kaum Probleme hatte, zu langsam zu werden. Ich weis dass viele Leute viel langsamer waren als ich und ich habe nie was gehört, das jemand dafür Probleme gekriegt hätte – da es Akkordlohn war, war es der Firma nicht allzu wichtig, und sie konnten einfach mehr Leute online bringen, wenn sie die Kunden nicht genug schnell bedienten.

Die Arbeitszeiten waren allerdings ein weiteres Problem. Ich musste (mindestens) 4-Stunden-Schichten machen, angefangen um 6.30 morgens – Ich konnte viel länger arbeiten als das, wenn ich wollte, aber eine Bedingung, dass ich den Job bekam, war dass ich als Minimum 6.30-11-Uhr Schichten machte, 6 Tage die Woche. Das war so, um sicher zu stellen, dass immer ein 'Texter' eingeloggt war, wann immer ein Kunde den Service nutzen wollte. Verglichen mit den meisten Jobs hatte ich ziemlich viel Kontrolle über die Arbeitszeiten, und die meisten Texter hatten keine festen Zeiten wie ich – aber diese Zeiten trugen definitif zum Problem bei.

Wie waren so deine Interaktionen mit den Kunden?

Es wankte zwischen Mitleid, Abscheu, Schuldgefühlen und Humor. Manchmal war es nur lustig, daran zu denken dass irgend so ein alter Perversling 1.50 pro SMS zahlte (und denk daran, ich konnte ihnen 3 schicken für jedes, dass sie mir schickten – 'Text Sex' bedeutete 3 in Folge fast jedes mal, wenn sie mir eines schickten), während ein deprimierter Typ Anfang 20 in seinem dreckigen Schlafzimmer sass und sich ein Einkommen verdiente. Manchmal verwandelte sich das zu Mitleid, teilweise weil sie dafür so viel Geld ausgaben (und für einige von ihnen war es VIEL) im Glauben es wäre ein Mädchen, das sie wirklich gerne hätte – genau da kam das Mitleid auf. Es gab häufig richtig traurige Geschichten von Typen, die alleine arbeiten und keine Frauen treffen konnten oder auf einer Ölplattform gefangen waren. Mit so jemandem senkte ich aus Mitleid meine Rate, weil ich nicht fühlen wollte dass ich ihr ganzes Einkommen aufsauge. Fast jeder versuchte, deine normale Nummer zu kriegen, damit sie nicht mehr soviel für den Sevice zahlen mussten, was zu einem Mühsamen Katz-und-Maus-Spiel darum führte, warum ich die Nummer nicht herausgeben könne (das System blockt sie, ich vertraue dir noch nicht genug, ich habe in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht etc. etc.) oder bekam ihre Nummern, während ich sie immer noch interessiert und im Prozess verwickelt halten und weiter schreiben.

Aber um ehrlich zu sein: Alle Gefühle von Schuld und Mitleid lösten sich normalerweise in den Gedanken auf, dass sie erbärmlich waren und ich nur Verachtung für sie übrig hatte, denn wenn es zur Sache ging, waren die Leute die diesen Service beanspruchten fast immer widerliche sexistische Arschlöcher. Die gezeigte Einstellung gegenüber Frauen war abscheulich, und sie versuchten ihre Verachtung von Frauen in keinster Weise zu verstecken. Dies machte die Sache manchmal tatsächlich einfacher, wenn ich mir ins Fäustchen lachen konnte, dass ich grosse Mengen an Geld aus diesen Drecksäcken herausziehen konnte – wahrscheinlich nicht die fortschrittlichste Einstellung, aber ich denke jeder, der den widerlicher Scheiss, den einige von sich geben, mal erlebt, würde ähnlich fühlen.

Wer waren deine MitarbeiterInnen?

Fast alle waren alleinerziehende Mütter, die etwas brauchten was sie von zuhause machen konnten, während sie zu den Kindern schauten. Das bedeutete natürlich, dass sie nicht in einer Position waren, um sich über irgendwelche Probeme mit den Arbeitsbedingungen zu beklagen, wenn sie den Job unbedingt brauchten. Es gab auch ein paar Studenten, aber viel weniger als ich erwartet hatte – die meisten machten das als Vollzeitstelle.

Da ich aber nur immer über MSN oder über die Messageboard mit ihnen sprach, könnte es natürlich auch sein, dass in der Realität die Hälfte von ihnen wirklich perverse alte Kerle waren! So gerne ich das selbst glauben würde, kann es mich nicht wirklich überzeugen – es waren beinahe alle richtig verletzliche Leute, die stark ausgebeutet waren

Du sagtest, deine Kommunikation mit MitarbeiterInen war überwacht – waren die SMS selbst auch überwacht?

Ja, jedes einzelne. Nicht jedes wurde gelesen – sie lasen eine zufällige Auswahl, um zu schauen ob dein Zeug auf dem neuesten Stand war, und ob du genug Wörter pro Text hattest. etc. Aber hauptsächlich schauten sie nach, wenn Kunden sich vom Service trennten. Wenn das wegen dir passierte, weil du nicht gut darin warst, einen Fehler gemacht hast (z.B. die Notizen nicht sorgfältig genug gelesen hast) oder es durchschimmerte, dass du gar kein 'echtes Mädchen' warst, dann bekamst du eine Menge Ärger und konntest den Job verlieren.

Beschwerten sich Kunden manchmal über den Service?

Soviel ich weis nicht – ein paar drohten damit, aber sowas kam nie zurück zu mir oder zu jemandem, mit dem ich geredet habe. Die ganze Firma war so gerissen augebaut, dass es wohl ziemlich schwer gewesen wäre so was überhaupt zu machen. Und es war total legal, solange gewisse Richtlinien eingehalten wurden. Die Anzeigen mussten auf eine bestimmten Weise formuliert sein, und sie mussten pro ausgegebene £20 eine Kostenwarnungs-Nachricht rausschicken, und das wars auch schon.

Was gab es für Möglichkeiten, das System zu umgehen – sagen wir mal, Standartantworten an die Kunden rauszuschicken?

Fast keine. Für einfaches Zeug kamst du damit durch – zum Beispiel hatte ich ein paar standartmässige Kennenlern-Mitteilungen von zwei Texten, die ich mit copy and paste an neue Leute schickte, aber der springende Punkt war, dass der Service interaktiv war und du musstest dich ihren Antworten anpassen. Wenn du nur copy-und-paste machtest wurden die Leute ziemlich schnell misstrauisch und begannen dich zu verdächtigen dass du eine Machine seist – was dich logischerweise schnell in grosse Schwierigkeiten brachte, und ich weis dass Leute dafür gefeuert wurden. Ich wurde verwarnt, nur weil ich mein Standart-Intro benutzt habe. Sie kannten auch andere Tricks, wie beispielsweise eine Menge xxx am Ende der Nachricht zu setzen, um die verbleibenden Zeichen aufzubrauchen. Ich versuchte ein paar solche Dinge, aber entweder funktionierten sie nicht wirklich und waren inneffizient, oder sie wurden schnell entdeckt.

Gab es irgendwelche Möglichkeiten für gemeinsame Kämpfe?

Ich bin sicher das es Möglichkeiten gibt, aber ich traf nie irgendwas in der Art an – das System war perfekt um sowas zu vermeiden. Es gab keinen persönlichen Kontakt von Angesicht zu Angesicht unter den ArbeiterInnen, es war ganz bewusst aufgebaut um Konkurrenz zu fördern, die Kommunikation war stark überwacht, es gab eine grosse Fluktuation in der Belegschaft (auch wenn viele in der Branche blieben – ich war einer der wenigen, die es nicht auch für andere Fimen getan habe) und die meisten aus dem Personal waren sehr verletzbar und fühlten, dass sie den Job nicht riskieren dürfen. Und infolge des Charakters der Arbeit war jedes Konzept von Arbeiterrechten völlig unbekannt, und jeder Vorstoss in diese Richtung hätte nur zur sofortigen Entlassung geführt. Ich bin sicher dass Zeug passieren könnte – aber es wäre wahnsinning schwierig, und ich denke die meisten Leute würden eher einfach aufhören als versuchen, sich zu organisieren.

Weisst du, wie lange deine MitarbeterInnen für diese Firma schon gearbeitet hatten?

Die Firma war weniger als ein Jahr alt, und nur sehr wenige ArbeiterInnen waren schon seit dem Start oder beinahe seit dem Start dort – aber viele haben sonst wo gearbeitet in der Vergangenheit, und einige machten ähnliches, wie Telefonsex, schon seit Jahren. Ich erinnere mich an eine Frau, die einen Mix aus Telefonsex und Text-Sex schon für über zehn Jahre machte.

Hast du von der International Union of Sex Workers gehört, während du den Job hattest? Hast du die Fusion der GMB und ihre Versuche, SexarbeiterInnen zu organisieren, mitbekommen?

Ich hab von beidem gehört, aber um ehrlich zu sein fühlte ich einfach nicht, dass das etwas 'für mich' wäre. Das war hauptsächlich deshalb, weil ich mich nicht wirklich darüber informiert hatte und dachte, es wäre nur für Prostituierte und so. Zum Anderen war es auch, weil ich ja lügte was meinen Namen, mein Geschlecht usw. angeht, um den Job zu bekommen, also wäre es extrem einfach gewesen, mich zu entlassen (vor allem, weil ich eine Kopie eines Passes von jemandem anderes eingereicht hatte!).

Es hängt aber auch mit meiner persönlichen Wahrnehmung zusammen als ich das machte – in der Anfangszeit fand ich es einfach unterhaltsam und sah es nicht als etwas an, in dem ich Schutz brauchte. Danach begann ich es wirklich zu hassen und war stark deprimiert von der ganzen Sache, und wollte nicht noch mehr damit zu tun haben als ich gerade musste.

Ich sah es auch nie als langfristige Sache an – es war nur etwas, was ich für eine Weile machte, um Geldprobleme zu lösen. Dies ist wahrscheinlich eine der grossten Hürden in der Organisierung von SexarbeiterInnen, dass nur wenige Leute es als etwas betrachten, das sie eine lange Zeit vorhaben, also neigen sie auch weniger dazu, sich aus der Deckung zu wagen.

Aber wenn ich zurückschaue war es eine wirklich dumme Entscheidung. Sogar auf einem persönlichen Level und was ich über den Job und mich fühlte, wäre es viel besser gewesen, wenn ich gemerkt hätte, dass ich was organisiere um die Bedingungen zu verbessern und was rauszuholen. Vielleicht wäre ich so auch länger geblieben. Ob das allerdings eine Sache ist, die man überhaupt tun sollte, ist natürlich die andere Frage – vor allem weil ich mehr oder weniger gezwungen war, sowas zu machen aufgrund der Situation, in der ich steckte.

Denkst du die Organisierungs-Arbeit der GMB hat Potential?

Definitiv, ja. Der sehr spezielle Charakter der Arbeit hat einige Effekte in dieser Hinsicht. Zuerst einmal gibt es die offensichtliche Tatsache, dass das Leute sind, die Schutz brauchen. Sie machen ausserordentlich erniedrigende Arbeit, unter schlechten Bedingungen und mit einem schlechten Lohn – für einige der schlimmsten Arbeitgeber, die du wohl überhaupt je antriffst. Da kommen mir Klischees über die Victorian Mill-Besitzer in den Kopf. Zudem - wie ich schon vorher gesagt habe – sind es extrem verletzliche Leute, die in diesem Sektor arbeiten, also gibt es sicher ein grosses Bedürfnis nach Organisierung.

Allerdings, aus einer pessimistischeren Perspektive gesehen, gibt es viele schwere Probleme bezüglich Organisierung – vom dubiosen legalen Status eines Grossteils der Sexarbeit (der die Forderung nach legalem Schutz erschwert), über die ihr anhaftende gesellschafliche Stigmatisierung bis zu Gewalt und Drogenmissbrauch, die häufig im Fährwasser mit anderen Arten von Sexarbeit wie Prostitution mitschwimmen. Dann gibt es auch das grosse Thema, das viele ArbeiterInnen in dieser Branche versuchen, davon wegzukommen – eher als ihre Bedingungen zu verbessern. Und das zu einem viel höheren Grad als bei fast jedem anderen Beruf. Trotzdem: die Organisierung, die wir in letzter Zeit gesehen haben, hat gezeigt dass es definitiv möglich ist – und dass es erfolgreich sein und sich lohnen kann. Meine Erfahrung war, dass die Leute, die das machen – auch wenn sie ein tapferes Gesicht aufsetzten – wussten, wie sie behandelt und wie schlimm sie beschissen werden. Hoffentlich sind die jüngsten Organisierungsbemühungen nicht nur eine Ausnahmeerscheinung, sondern bedeuten einen realen Schritt und ein Versuchs einiger der am schlechtesten gestellten ArbeiterInnen der modernen Gesellschaft, ein bisschen Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen.

Welche Möglichkeiten siehst du für Selbstverwaltung im Sex-Texten und -Chats?

Schwierige Frage. Während ich das machte, war das wirklich was, was wir diskutiert haben – es gibt viele Orte, wo du dich in einen Service einkaufen kannst. Wenn du die Werbung und das Personal zur Verfügung stellen kannst, bekommst du die ganze Software und den Service um die Texte rauszusenden und das Geld einzukassieren – und fast ein ganzes Pfund zu erhalten, während du die Arbeitszeiten selbst bestimmen kannst. Es fühlte sich wie eine reale Möglichkeit an. Allerdings wurde es schnell klar, dass es ein paar ernste Schwachstellen in diesem Plan gab. Erstens hättest wäre ein grosser finanziellen Aufwand nötig um den Service anzuschaffen, um massenhaft Texte zu versenden, für Werbung uns so weiter. Man müsste ein paar komplett neue Dinge lernen, Zeit mit dem Regeln der Werbung verbringen, Verwaltungskram, Dienstpläne erstellen und ähnliches. Dann gibt es das Hauptproblem, dass der Service 24 Stunden Personal bräuchte – es würde schlicht nicht klappen, wenn Leute SMS rein schickten und keine Antwort erhalten würden. Ohne Druck, den Job zu verlieren, wäre es ziemlich schwierig jemanden dazu zu bringen, sich Samstags um 3 Uhr Nachts an einen Computer zu klemmen wenn jemand sich mit deiner Hilfe via SMS einen runter holen will! Es würden auch all die bekannten Probleme mit Selbstverwaltung im Kapitalismus auftauchen – dass es nur die Selbstverwaltung deiner eigenen Ausbeutung ist. Wenn du den Service wirklich zum Erfolg bringen willst, dann müsstest du kapitalistische Modelle zur Effizienzsteigerung anwenden – wie Kostensenkung, mehr Werbung, Leute zu mehr Arbeit antreiben und Sicherstellen, dass sie ihre Messages auf den geforderten Standart bringen. Und wenn du das mal hast, dann ist die ganze Idee der Selbstorganisation verloren, und es würde nichts besseres sein als eine Genossenschaft, nur mit dreckigen Sex-Messages.

Und da kommt der grosse Knoten. Niemand, nicht einmal die obszönsten Parodien von Syndikalismus, würden in einer sozialistischen Gesellschaft autonome Kolektive von selbstorganisierten Sex-Textern wollen – es ist genauso absurd, wie ein Call-Center selbst zu verwalten. In der Praxis wäre es nichts anderes als eine Prostituierte ohne Zuhälter – besser als unter einem Chef zu arbeiten, aber immer noch viel schlechter als die meisten kapitalistischen Jobs. Es ist nicht nur sozial unproduktive und nutzlose Arbeit, die (meines Erachtens) an sich schon erniedrigend ist, sondern sie ist auch völlig charakteristisch für die Entfremdung unter dem Kapital. Ich möchte hoffen, dass es in irgend einer Gesellschaft, die auf Selbstorganisation aufgebaut ist, kein Bedürfnis für Leute geben wird, grosse Summen auszugeben damit jemand an einem Computer sitzt und ihnen Mitteilungen schickt, wie sehr sie es lieben, ihren grossen Schwanz in sich zu spüren. Nenn mich naiv, aber ich sehe nicht dass so etwas passiert und ich sehe auch wenig Leute, die so was tun wollen – und wenn, dann wohl kaum als Job! Richtige Selbstorganisation wäre die Fähigkeit, sich davon zu befreien, dass man solche Arbeit machen muss – und ich denke das gilt für fast die ganze Sexindustrie.

Dennoch, dem allem zum Trotz: in der Gesellschaft in der wir heutzutage leben, wenn Leute wirklich aufgeschmissen wären und nichts anderes machen könnten, aber in einer Postition wären um es unter ihrer Kontrolle zu machen, dann würde es ziemlich sicher eine Verbesserung bedeuten. Es gäbe sicher viele, viele Probleme, aber zumindest gäbe es dort keinen Drecksack an der Spitze, der sich einen grossen Teil der Profite krallt. Ich denke nicht dass es völlig absurd ist, zu denken dass ein paar Leute aus der Branche genug angepisst eines Tages beschliessen, es für sich selbst zu machen. Ich denke nicht, dass es einen grossen Anteil daran hat, wie sich der Konflikt in der Branche entwickeln könnte, und um ehrlich zu sein denke ich dass die Chancen sie eher bei null stehen – es würde als Firma und als Art, sich ein Einkommen zu verdienen, wahrscheinlich scheitern - oder schon bald zu einem normalen kapitalistischen Modell zurückkehren, nur mit denen, die vorher dort arbeiteten jetzt als Manager. Wenn überhaupt, dann würde es im Klassenkampf in der Sexindustrie nur eine kleine Rolle am Rand spielen. Also kurz: Wenn es passieren würde, dann denke ich nicht dass das die Arena ist, wo Selbstorganisation und Selbstverwaltung sich am besten verwurzeln kann – wir sollten dahingehen arbeiten, dass wir die Ausbeutung und ihre Ursachen beseitigen, statt dass wir versuchen, sie selbst zu verwalten; wenn aber Leute je in einer Position wären um in irgendeiner Weise selbst zu handhaben, dann denke ich, haben sie auch die Macht um es viel besser zu machen.

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Das Interview wurde durchgeführt von libcom.org News, Januar 2006.
http://libcom.org/news/article.php/inte ... ker-250106
die opfer und die täter
kommen heute etwas später
das schlachten ist verschoben
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Re: Interview mit einem ehemaligen Sex-SMS-Arbeiter

Beitrag von -- gesperrt -- » 07 Feb 2010, 03:40

sehr interessante Texte, die du uns da vorlegst :)

Die Mühe ist das auf jeden Fall wert!!!

Gingers
Beiträge: 7
Registriert: 07 Okt 2020, 09:01

Re: Interview mit einem ehemaligen Sex-SMS-Arbeiter

Beitrag von Gingers » 07 Jan 2021, 12:05

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