Frau Mercedes - 35 Jahre auf dem Autostrich

(Schein-)Selbstständigkeit, Schwarzarbeit, Sexarbeit, Heimarbeit, Drückerjobs...
Antworten
Benutzeravatar
ribiräbiruuu
Beiträge: 24
Registriert: 12 Jul 2009, 06:21

Frau Mercedes - 35 Jahre auf dem Autostrich

Beitrag von ribiräbiruuu » 19 Nov 2009, 22:50

Dieses Interview hab ich im aktuellen megafon gefunden und dann bei der redaktion gefragt, ob ich das auf chefduzen raufstellen kann. Das ging.
35 Jahre auf dem Autostrich
Frau Mercedes

Frau Silvia Mercedes Leiser hat mit 25 Jahren angefangen, auf dem Autostrich der Berner Allmend zu arbeiten. Heute lebt sie als Frühpensionärin in einer kleinen, bunt eingerichteten Wohnung zusammen mit ihrem jungen Hund. Dort hat sie mich empfangen und aus ihrem Leben erzählt.

Frau Mercedes hat 35 Jahre lang als Sexarbeiterin auf dem Autostrich gearbeitet. Darüber sowie über den aussterbenden Autostrich haben David Fonjallaz, Simon Jäggi und Louis Mataré den Dokumentarfilm «Frau Mercedes – Alt werden auf dem Autostrich» gedreht. In der Synopsis zum Film heisst es: «Sie hatte tausende Männer und liebt eigentlich die Frauen. Sie verkauft ihren Körper aber nicht ihre Ehre. Sie könnte reich sein, doch sie hat gelebt.»

Durch Xenia haben wir Kontakt zu Frau Leiser gefunden – ein Versuch eines Blickes hinter die Kulissen.

megafon: Eine Frage, die Ihnen wahrscheinlich schon oft gestellt wurde, Frau Mercedes, wie sind sie zu Ihrem Beruf gekommen?

S.M. Leiser: Ja, das kenne ich gut... Ich war früher Taxi-Fahrerin. Dann wurde mir die Stadtbewilligung wegen Amtsbeleidigung entzogen. Ich durfte zwei Jahre nicht fahren in der Stadt. In Bern machte meine Schwester das KV im Monbijou. Sie sagte, sie würde dort immer von Männern angehauen. Dann liess ich mich mal anhauen und traf einen Zuhälter. Der gab mir etwa 150 Franken. Danach sagte er, er müsse noch zu seiner Freundin einkassieren auf die Allmend. Ich ging mit, was man heute nicht so einfach mehr könnte...

Diese Freundin fragte: «Wer ist deine nette Begleitung?» Er sagte, dass ich etwas anschaffen wolle, bis ich wieder fahren könne. Vera, so hiess die Frau, sagte dann: «Das macht man richtig oder man lässt esbleiben.» Wir haben uns am nächsten Tag wieder getroffen und so bin ich reingerutscht. Ich habe ihm dann vier,fünf Tage zum Schutz etwas bezahlt, obschon ich keine Probleme hatte, weil ich mit Vera die Bekannteste aus Bern getroffen hatte. So bin ich total gut reingerutscht, was sonst nicht so der Fall war. Oft hast du zuerst mal «eis uf d ́Schnure» bekommen... ich hatte einfach Glück. Aber wenn du mal drin bist, kannst du nicht mehr aufhören. Aus finanziellen Gründen gings schon, aber nach einer gewissen Zeit will dich niemand mehr anstellen, niemand will eine Dirne, weil die Leute halt reden.

Spricht sich das denn so schnell rum?

Oh ja, das geht unglaublich schnell und meistens durch die Leute, die zu uns kommen. Verstecken spielen geht nicht.

Braucht es Werbung, oder braucht es die dann auch nicht?

Ich fing mit dem Studio an oder auf bestimmten Strassen liesst du dich von Männern anhauen. Danach wurden sämtliche Zimmer abgesperrt und eine Kollegin meinte: «Komm, wir machens im Auto». Das war in den 1970er Jahren. So fingen wir an und verlangten nur die Hälfte des Preises vom Studio, obwohl viele mehr gegeben haben, wenn man länger geblieben ist. So ist der Autostrich entstanden. Heute gibt es nur noch 4 bis 5 Frauen, fertig. Heute sind es Hotels, Escorts, oder Salons... diese Häuser und so... das gab es früher alles nicht. Diskret war es schon, das muss man sagen. Aber man hatte dann doch den Namen. Heute gibt es viele, die Prostitution akzeptieren. Aber früher, da wurdest du als Dirne überall abgeschrieben: Wohnungen, Kredite... überall, aber das Geld haben sie natürlich immer genommen!

War es denn früher anständiger?

Sauberer vor allem. Du kamst eigentlich gar nicht gross in Berührung mit dem Gast. Also, im Zimmer schon, da hast du dich auch ausgezogen. Und es gab nur «mit», wenn jemand «ohne» gemacht hat, die haben wir traktiert oder verjagt, das gabs gar nicht. Aber heute, da würde ich sagen, machen es über 80 Prozent wieder «ohne», die haben keine Angst mehr vor Krankheiten... mit dem Mund ohne, unten ohne, jede Schweinerei, alles.

Wie machen diese Frauen das, lassen sie sich zum Beispiel testen?

Das nützt ja nichts, ich kann den Aids-Test machen und am gleichen Abend mach ichs wieder «ohne» und das Risiko ist trotzdem da. Früher war es die Syphilis, aber das konntest du mit Spritzen wegmachen. Aber Aids, das kannst du vergessen. Die Polizei macht ja nichts, kann nur was auf Anzeige machen. Aber heute, da kann eine Hunderte anstecken, bis was passiert. Das ist schade... und eben das Angebot. Und die Männer sind einfach so, wo sie viel kriegen für wenig Geld, da gehen sie hin.

Wie bei mc donalds...

Ja, Qualität wird gar nicht verlangt. Die, die Qualität wollen, die haben Maitressen oder eine Freundin neben der Frau. Aber das ist ein anderes Gebiet. Die, die was Schnelles wollen, die wollens auch billig und 99 Prozent der Männer mögen einfach perverse Frauen, weil es die Frau zu Hause nicht macht. Wenn jede Frau zu Hause auch ein bisschen Dirne wäre, dann gäbe es unser Gewerbe nicht mehr. Der Mann sollte eigentlich eine gute Köchin, eine Schöne zum Ausgehen und eine Sau im Bett haben. Aber das gibt es nicht und wenn, dann schätzt es der Mann oft nicht einmal.

Wie kamen sie eigentlich zum Namen Mercedes?

Ich war früher oft mit Striptease Tänzerinnen unterwegs, arbeitete auch als «Barmaid» und bin nach Feierabend immer in Dancings gegangen... Das Milieu hat mich immer schon interessiert, das Nachtleben. Da hat mir eine Tänzerin einen Mercedes offeriert... ich hatte zwar kein Geld, aber habe sie immer ausgeführt und so. Nachher kam ich auf die Gasse und in den 1970ern wurde jede nach dem Auto genannt. Camarro, Mercedes, Capri... So habe ich meinen Namen 35 Jahre behalten, ich liess ihn mir von niemandem wegnehmen. Da hab ich auch gute Sachen erlebt. Ich hatte mal jemanden aus dem Oberland und der fragte wie ich heisse und ich sagte, Mercedes. Er sich meinte daraufhin «ich bin der Opel» [lacht], der hat das gar nicht Ernst genommen...

Warum ist der Autostrich in Bern eigentlich am «aussterben»?

Ich ging eigentlich vom Platz, äh ja, Tschäppät + Co., die haben den Platz für die Chauffeure gesperrt, obwohl wir ein sehr gutes Team waren. Sie konnten schlafen, wir schauten, wenn wir Probleme hatten, halfen sie uns. Die Allmend war voller Lastwagenchauffeure, jahrelang. Die durften dann plötzlich nicht mehr kommen und dann haben sie schliesslich auch für uns abgesperrt. Früher hatten wir viel mehr Kunden, auch die Chauffeure, das war wahnsinnig... da bist du nicht so aufgefallen. Wir waren ca. 23 bis 25 Frauen, bis in den Bärengraben. Die meisten vom Bärengraben an, gingen dann in die Salons, also haben beides gemacht, Autos und Salon, später gingen sie ganz in die Salons. Das wollte ich aber nie machen.

Weshalb nicht?

Im Salon, da musst du dich erstens ganz ausziehen. Im Auto konntest du dich auch besser wehren gegen ohne Gummi. Du konntest sagen, dass du dich dort nicht waschen kannst. Das wäre nicht sauber, das haben sie dann geschluckt, im Salon ging das nicht so gut. Im Salon wird auch mehr verlangt, in einem Raum hast du auch andere Möglichkeiten. Die meisten der Frauen gingen jedoch in die Salons, bis sie dann auch gesehen haben, dass sie nichts verdienen... Dann kamen die AusländerInnen. Am Anfang konnten wir sie jagen, weil sie illegal arbeiteten, dann kriegten sie ja eine Bewilligung,. Nachher die Illegalen, die kamen ein paar Wochen und gingen wieder und machten alles. Das gab dann so einen Wechsel und das mochten die Männer, immer wieder Neue zu haben, oft auch extrem Junge und von jeder Nationalität...

Ist Frauenhandel ein Thema?

Da weiss ich viel von Frauen, die sich beklagen, aber die Polizei kann nichts machen. Ich habe der Polizei schon oft etwas gesagt. Die Antwort war: «Du kannst anrufen, sagst mir, wo etwas ist und wenn ich ankomme, dann ist sie nicht mehr dort.» Die sind sehr gut organisiert und haben gute Verstecke. Die Polizei kommt da nicht nach, sie können 35 Razzien machen und woanders kommen 40 Neue nach.

Nützt da etwas wie Freiersensibilisierung, wie zum Beispiel durch don Juan?

Das ist schwierig. In meinem Film zum Beispiel wollten wir auch was mit Freiern machen, aber diejenigen die zusagten, wollten sich nur wichtig machen. 99.9 Prozent der Kundschaft ist verheiratet, vergeben oder geschäftlich unterwegs. Die können sich nicht stellen, das geht nicht. Das läuft im Verborgenen. Wir hatten sogar einen, der immer eine Zahl der Autonummer abgedeckt hat [wir lachen].

Ist es eigentlich eher ein emotionaler Job oder eine technische Tätigkeit?

Eine richtige Dirne hat keine Gefühle, gibt sich nicht her. Wenn sie das nicht so macht, ist sie eine Schlampe, wie man so sagt. Eine Dirne macht den Job, aber da darf gar nichts passieren. Bis zur Oberweite, das alles kann ge-
waschen werden. Am Feierabend hab ich jeweils gebadet, da ging alles weg, was ich gemacht habe. Aber das Gesicht ist privat. Das ist eben heut nicht mehr so, heute geben sie alles. Es ist ein Job, wo du abstellen kannst. Das solltest du auf jeden Fall können. Dann ist es hauptsächlich wegen Geld. Das stellt dich auch auf, neben den Erniedrigungen. Das ist der Dank des Jobs. Wenn es nicht mehr läuft, ist es was anderes. Aber nein, das ist rein maschinell, total kalt und muss auch so sein, sonst macht sie den Job nicht richtig.

Mit Xenia arbeiten sie schon länger zusammen?

Seit fünf Jahren. Xenia hat mir auch beim Ausstieg geholfen, durch sie habe ich die AHV erhalten und bin zum Film gekommen. Xenia hat mir wirklich sehr geholfen. Am Anfang wollte ich ja nichts davon wissen. Dann war ich dort als Gast und später suchten sie eine neue Köchin. Ich hatte vorher noch nie gekocht in meinem Leben. Martha hat mich ermutigt, das auszuprobieren und jetzt geht das perfekt und ich fühle mich wohl dort. Sie haben mir moralisch und seelisch sehr geholfen. Sonst hätte ich ziemlich Mühe gehabt. Am Anfang wusste ich nicht was machen, ich verdiente nichts mehr, ich konnte aber nicht aufhören, AHV war noch nicht nach, weil ich erst 58 Jahre alt war. Manchmal erwachte ich und musste mich fragen, ob ich was verdiene abends oder nicht. In den fünf Jahren hab ich nur Glück gehabt mit Xenia. Ich hab auch Kolleginnen, die zu Martha oder Jaqueline gehen, wenn es ihnen schlecht geht und sie sind immer gut aus diesem Büro herausgekommen. Und ich bewundere dies
sehr. Das sind superstarke Frauen, seelisch und moralisch. Aber auch die anderen auf der Strasse, wie zum Beispiel die vom «Don Juan», das sind alles sehr starke Leute.

Wie handhabt das Milieu Sicherheit und Gewalt?

Es gibt immer eine Gefahr und wird auch so bleiben. Du musstest immer selber schauen. Man sagt ja, der Zuhälter schaut zur Dirne. Stimmt nicht, der nimmt sie nur aus. Wenn Zuhälter schützen würden, hätte ich auch einen gehabt. Wir machten es früher in den Studios so, dass wir zwei Zimmer hatten. In einem liessen wir Musik
laufen und sagten, dass wir leise machen müssten, weil die Kollegin nebenan sei. Das war eine Sicherheitsmassnahme. Sonst musstest du dir immer selbst lieb sein. Im Auto habe ich den Leuten immer in die Augen geschaut. In den Augen siehst du, ob jemand gestört ist. Ich hatte ein paar Situationen, in denen ich unwahrscheinliches Glück hatte, weil ich im Moment keine Angst habe, die kam erst im Nachhinein. In der Situation hab ich mich immer sehr gut verhalten. Das ist auch etwas, was man die Mädchen lehren sollte, wenn sie auf so eine Situation stossen. Aber eben, ich weiss nicht, ob man das lernen kann. Ich hatte nie Angst, hatte immer Ausreden: Einer würgte mich mal und ich sagte nur «würg doch», aber danach zitterte ich wie ein Kleeblatt. Nach solchen Erlebnissen hatte ich immer extrem Probleme. Einer ging auch mal mit dem Messer auf mich los, noch lange Zeit danach hatte ich mit der Bewegung, wenn jemand das Portemonnaie herauszog, grosse Probleme. Eine alte Dirne hat mir mal gesagt, «nach solchen Vorfällen musst du immer gleich wieder arbeiten gehen, damit du dich danach gewöhnst, sonst ist die Angst zu gross.»

Wie war das später, einen Film über Ihre Arbeit zu machen?

Das war ein grosser Zufall. Ich hab ein Interview mit Simon Jäggi vom Bund gemacht. Durch das Interview ist er oft mit mir und dem Hund spazieren gegangen auf der Allmend, wir haben viel diskutiert und das lief sehr gut. Dann hat er seinen zwei Kollegen, die Filme machen, von mir erzählt, mit der Idee, mehr aus der Geschichte herauszuholen. Danach haben wir uns getroffen, sie fanden mich super und ich hab natürlich grad gesagt «nein, nein, nein» [lächelt]. Dann hat das aber gut geklappt, ich hatte keine Kamerascheu. Sie haben das auch sehr gut gemacht, die «Giele». Sie sind 1980 geboren, extrem jung oder, aber sie sind einfach so zu mir gekommen und wenn es mir nicht gut gegangen ist, haben sie mich aufgestellt und zwischendurch haben wir nicht gefilmt. Super, es war ein super Team über ein Jahr. Dann ist der Film auch gut rausgekommen, oder – und hatte auch überall Erfolg? [das Natel klingelt] Das ist immer noch das Freier-Telefon, aber ich hab noch Nachrichten drauf. Das ist eben auch die Melodie, welche wir für den Film wollten, „Blue Bayou“, aber sie haben die Rechte nicht bekommen. Für eine andere Melodie ebenfalls nicht. Sie haben nach Amerika geschrieben, haben die Bewilligung aber nicht erhalten, weil es ein Sexfilm sei. Da kommt gar kein Sex vor! Aber er handelt von einer Dirne...

Kotzt sie diese doppelmoral nicht manchmal an?

Ja, aber ich kann gut damit umgehen. Ich war immer Einzelgängerin und hab gesagt «blast mir doch in die Schuhe.» Von dem her habe ich nicht viel darunter gelitten. Und ich habe meine Freunde und sage mir, «egal, wie schlecht du bist, die Leute die zu dir halten, halten zu dir.» Viele Leute sagten auch oft, «hör mal auf mit deinem verdammten Milieukomplex. Es gibt nicht nur im Milieu schlechte Leute, sondern überall, egal wo».
Das hab ich mir nachher so ein bisschen in den Kopf gesetzt und es ist gut gegangen.

>JUH <

Benutzeravatar
Hydra
Beiträge: 103
Registriert: 27 Mai 2009, 00:41

Re: Frau Mercedes - 35 Jahre auf dem Autostrich

Beitrag von Hydra » 30 Nov 2009, 20:36

Ein sehr interessantes Interview.
Der Trailer zum besagten Film gibts auf youtube zu sehen. Unter den "ähnlichen Videos" sind weitere Beiträge zu Prostitution und Frauenhandel.

die opfer und die täter
kommen heute etwas später
das schlachten ist verschoben
anweisung von oben

Kuddel
Beiträge: 435
Registriert: 13 Nov 2009, 14:11

Re: Frau Mercedes - 35 Jahre auf dem Autostrich

Beitrag von Kuddel » 18 Jun 2010, 13:29

«Viele Prostituierte arbeiten unter den neuen Bedingungen schwarz»
Von Anita Bachmann.
Verschärfungen im Sexgewerbe drängen Frauen von der Halbwelt in die Unterwelt, sagt Martha Wigger, Leiterin der Beratungsstelle Xenia.


Auf dem Zürcher Strassenstrich gibt es Menschenhandel, Gewalt und viele Neueinsteigerinnen. Ist die Situation in Bern vergleichbar?

Die Situation in Zürich ist viel happiger, der Strassenstrich dort ist viel grösser als in Bern, und es gibt Häufungen von bestimmten Nationalitäten. Aber in Bern ist der Strassenstrich eine Randerscheinung, er macht weniger als fünf Prozent des ganzen Gewerbes aus.

Gibt es im Berner Sexgewerbe viele Neueinsteigerinnen?


Nein. Aber es gibt tatsächlich eine Zunahme von Tschechinnen, Slowakinnen oder Ungarinnen. Diese Frauen haben aber mehrheitlich bereits als Prostituierte gearbeitet, sehr oft in Österreich. Sie haben erfahren, dass sie in der Schweiz legal arbeiten und relativ gut verdienen können.

Darunter dürften viele Roma-Frauen sein, die auch in Zürich für Aufregung sorgen.

Man muss mit dem Begriff Roma-Frauen aufpassen, damit man nicht jemanden diskriminiert. Sie haben einen ungarischen, tschechischen oder rumänischen Pass und sind vielleicht auch noch Roma. Uns geht es um die Arbeitsbedingungen und die Sicherheit, ob eine Frau Romni ist oder nicht, spielt keine grosse Rolle.

Man spricht trotzdem oft von Roma-Frauen, weil es in deren Umfeld Menschenhandel und Gewalt gibt.

Menschenhandel ist in der ganzen Schweiz ein Thema, und in Zürich sind davon nicht nur Roma-Frauen betroffen. Auch in Bern gibt es Menschenhandel, das ist unbestritten. Diesen gilt es zu bekämpfen. Betroffene sollen eine unbefristete Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz bekommen, egal ob sie eine Anzeige machen wollen oder nicht. Frauenhandel wird zwar heute mehr beachtet, gibt es aber bereits seit langem.

Zum Schutz vor Ausbeutung forderte etwa eine städtische Motion kürzlich einen Wohnwagenpark für Prostituierte.


Es braucht sichere Arbeitsplätze, das kann auch in einem Wohnwagen sein. Gefahr der Motion war aber, dass man die Prostituierten aus den bewohnten Gebieten wegnehmen will. Orte, an denen es noch andere Leute hat, bedeuten Sicherheit.

Ins gleiche Kapitel gehen die Schliessungen von Sexsalons, weil sie in Wohnzonen sind.


Das ist so. Wir sehen auch, dass es in einer reinen Wohnzone Schwierigkeiten geben kann. Aber in der Stadt Bern dürfen die Salons nur in Dienstleistungszonen sein, und die gibt es kaum. Deshalb sollten Prostituierte aus Gründen der Sicherheit in den gemischten Zonen arbeiten können.

Wurden die beiden Sexsalons im Lorrainequartier geschlossen?


Der kleinere ist zu. Der grössere, bei dem es um hundert Frauen geht, ist noch nicht geschlossen, weil Einsprachen hängig sind. Das Problem ist, dass es kein anderes Angebot gibt für die Frauen. Wenn ein Salon geschlossen wird, können sie nicht Arbeitslosengelder beziehen, weil sie als selbstständig gelten. Sie arbeiten unter schwierigen Bedingungen weiter, zu dritt in kleinsten Räumen. Es gibt aber auch sehr viele, vor allem ältere Sexarbeiterinnen, die Sozialhilfe beziehen müssen.

Und es gibt Verlagerungen in die Agglomeration.

Diese Entwicklung ist nicht neu. Das Gewerbe verlagert sich aufs Land möglichst nahe an die Autobahn. Problematischer ist aber eine massive Verlagerung in Privatwohnungen. Für uns ist es schwieriger, diese Frauen zu erreichen. Denn sie arbeiten im Versteckten, und wir können ihnen auch kein Informationsmaterial vor die Türe legen.

Haben Frauen je nach Arbeitsort – im Salon, im Hotel, privat, beim Escortservice, auf dem Strassen- oder Autostrich – andere Bedürfnisse?


Nein. Finanzen zum Beispiel sind oft ein Thema, wenn eine Frau Schulden hat oder nicht weiss, wie sie eine Steuererklärung ausfüllen soll. Solche Bedürfnisse sind unabhängig vom Arbeitsort, genauso wie etwa psychische Probleme.

Gefordert sind Frauen auch mit der Anmeldung beim Kanton als Selbstständigerwerbende, bei der sie einen Businessplan einreichen müssen. Warum bezeichnen Sie die Verschärfung als kontraproduktiv?


Aus den Erfahrungen, die wir seit den Verschärfungen im letzten Oktober gemacht haben, haben wir gemerkt, dass mehr Frauen schwarzarbeiten. Schwarzarbeit bedeutet weniger Schutz für die Frauen, weil sie Angst haben, Beratungsangebote in Anspruch zu nehmen, und sie haben weniger Rechte, sich zu wehren. Ein typisches Beispiel: Eine Frau hat schon zweimal während 90 Tagen hier gearbeitet. Nach den Verschärfungen wurde ihr drittes Gesuch abgelehnt. Natürlich hat sie trotzdem weitergearbeitet und wurde Opfer von Gewalt. Weil sie schwarzarbeitete, getraute sie sich aber nicht, Anzeige zu erstatten.

Und Sie befürchten eine finanzielle Abhängigkeit der Frauen. Können Sie dies erklären?

Ja, eine weitere Gefahr ist die Verschuldung. Eine Frau kommt in die Schweiz und muss hier erst den ganzen Papierkram erledigen, was einige Zeit in Anspruch nimmt. Wenn der Entscheid negativ ist, fallen nicht nur die Reisekosten an, sondern auch der Erwerbsausfall während der Wartezeit. Oft können sie nicht mit leeren Händen und schon gar nicht mit Schulden nach Hause gehen und arbeiten trotzdem.

Muss man annehmen, dass im Kanton Bern mittlerweile die Hälfte der Sexarbeiterinnen schwarzarbeitet? Die Anmeldungen gingen beinahe um die Hälfte zurück.

Prozente kann ich keine nennen. Aber viele Frauen, die früher legal gearbeitet haben, arbeiten unter den neuen Bedingungen schwarz. Nicht zu vergessen sind die Vermieter. Wenn sie zehn Frauen brauchen, damit der Laden läuft, und sie bekommen nur drei mit einer Arbeitsbewilligung, stellen sie zusätzlich Schwarzarbeiterinnen ein. Die Betreiber dürfen den Frauen nicht beim Erstellen des Businessplans helfen, sonst gelten sie nicht mehr als selbstständig. Deshalb passiert, was in vielen grossen Saunaklubs der Fall ist: Die Betreiber ziehen sich aus der Verantwortung, dort gelten die Frauen als Saunagäste. Die Betreiber sollten aber in die Pflicht genommen werden, indem sie für Etablissements eine Betriebsbewilligung benötigen. Man spricht immer nur von den Frauen, obwohl sich im Rotlichtmilieu viel mehr Männer bewegen, vom Vermieter über den Webmaster bis zum Freier. All diese Männer werden aber nie zur Verantwortung gezogen.

Haben Sie Hoffnung, dass man auf die Regelung zurückkommt?

Ja, meine Hoffnung ist, dass man die Diskussion nicht nur auf der Sanktions- und Auflagenebene führt. Es braucht Angebote und Infrastruktur für das Gewerbe und die Gleichbehandlung mit anderen legalen Gewerben. Das heisst auch, dass man sich Gedanken über eine Kontingentierung machen kann, wie es bei anderen Selbstständigerwerbenden auch gemacht wird. Denn es gibt ein Überangebot an Sexarbeiterinnen.

Was ist die Alternative zum Selbstständigenstatus?

Das Gegenteil vom selbstständigen Arbeiten sind Arbeitsverträge. Doch da sind wir in der Geschichte stecken geblieben. Bereits zu Zeiten von Regierungsrätin Elisabeth Zölch hiess es, Prostitution ist nicht sittenwidrig und ein Arbeitsvertrag ist machbar. Bis heute ist dies im Gegensatz zu einigen anderen Kantonen in Bern nicht möglich.
http://bazonline.ch/schweiz/standard/Vi ... y/25670920

Kuddel
Beiträge: 435
Registriert: 13 Nov 2009, 14:11

Re: Frau Mercedes - 35 Jahre auf dem Autostrich

Beitrag von Kuddel » 16 Jul 2010, 14:54

Zürcher Polizeivorsteher findet Strassenstrich-Situation unhaltbar

(sda) Der auf das Nachbarquartier Wipkingen überschwappende Strassenstrich am Zürcher Sihlquai hat Polizeivorsteher Daniel Leupi auf den Plan gerufen. Auch er findet die Zustände unhaltbar, plädiert aber für nachhaltige Lösungen statt simpler Vertreibung.

Wie Leupi am Freitag gegenüber verschiedenen Medien sagte, ist es unrealistisch, einfach mit Verboten und polizeilicher Repression den Strassenstrich zu vertreiben. Die Erfahrung habe gelehrt, dass dies bloss eine Verlagerung zur Folge habe.

Immer mehr Prostituierte am Sihlquai könnten gar nirgends hin, es fehle die Infrastruktur. Die Stadt werde deshalb nicht darum herumkommen, Strukturen anzubieten. Was wann bereitgestellt werden soll, ist aber noch unklar. Er sei mit verschiedenen Stellen im Gespräch, um Lösungen zu finden.

Vorderhand versucht Leupi, mit Polizeipräsenz die schlimmsten Auswüchse zu verhindern. Das hemmungslose Verhalten der Freier sei für die Quartierbevölkerung unzumutbar.

Seit Monaten häufen sich die Klagen der Anwohner am Sihlquai im Zürcher Kreis 5, der Strassenstrich weite sich immer mehr aus. In letzter Zeit tauchen Prostituierte und Freier immer öfter auch jenseits der Limmat in Vorgärten und auf Parkplätzen in Wipkingen auf. Dort hinterlassen sie dann Exkremente und Abfälle aller Art.
http://www.nzz.ch/nachrichten/zuerich/z ... 69119.html

Antworten