Haiti: Durch die USA besetzt?

Globale Wirtschaft & grenzüberschreitender Widerstand
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lucky puke
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Haiti: Durch die USA besetzt?

Beitrag von lucky puke » 25 Jan 2010, 16:38

Es sieht ganz danach aus, das in Haiti wieder einmal Katastrophen-Kapitalismus der ganz üblen Art betrieben wird...

Viel weis ich auch noch nicht darüber. Aber ich denke bei dem Thema wird noch n grosser Haufen Scheisse ans Tageslicht kommen. Fraglich ist nämlich auch, wie viel von den gesammelten Spendenmillionen für humanitäre Hilfe wirklich bei den Betroffenen ankommen. In einem Interview mit dem ehemaligen US-Präsident Bill Clinton, der mit seiner "Clinton-Foundation" eine wichtige Rolle in der "humanitären Hilfe" spielt, sagte der, dass nur Schweinegrippeimpfungen gratis abgegeben werden und Wasser und Nahrung gekauft werden müssen... :X
Wird Haiti durch die USA besetzt?
Die Lage nach den Erdbeben in Haiti ist katastrophal: Kein Wasser, Tausende Tote in den Straßen, Leichen werden mit Baggern in Massengräber geschüttet, Tausende Waisenkinder irren durch die Städte, Ärzte amputieren am Fließband Gliedmaßen. Viele Länder eilten dem Inselstaat zur Hilfe - bei den USA mehren sich nun jedoch die Zweifel, ob es wirklich um Hilfe geht.

Im Schatten des Unglücks stockten die USA ihre Militärpräsenz auf Haiti immer weiter auf. 10.000 US-Soldaten sind inzwischen im Einsatz, darunter auch Marines. Und immer mehr Stimmen berichten, dass diese Soldaten keineswegs humanitäre Hilfe leisten, sondern diese vielmehr behindern. Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen und das rote Kreuz beklagen, dass ihre Flugzeuge nicht auf dem durch die USA kontrollierten Flughafen von Port-au-Prince landen durften und von der Dominikanischen Republik aus ins Land gebracht werden mussten, wodurch vielen Menschen nicht mehr geholfen werden konnte.

[...] Eine militärische Besetzung Haitis ist keine bloße Verschwörungstheorie, sondern wird von rechten Denkern in den USA sogar offen gefordert. Denn diese fürchten, das Land könnte sonst unter den Einfluss von Kuba und Venezuela geraten.

"Die Regierung unter Präsident René Préval ist schwach und nun im wahrsten Sinne des Wortes am Boden zerstört. Kuba und Venezuela, die in der Vergangenheit schon versucht haben, den Einfluss der USA zurückzudrängen, könnten die Möglichkeit nutzen, um sich zu profilieren", schreiben James M. Roberts, Ray Waler in ihrem Essay "American Leadership Necessary to Assist Haiti After Devastating Earthquake". Es sei die Aufgabe der USA sicherzustellen, dass Haiti "aus der Krise als eine noch stärke Demokratie hervorgeht." Was das heißt, kann man derzeit im Irak bewundern.

So ist abzusehen, dass die USA die günstige Gelegenheit nutzen werden, sich auf Haiti zu etablieren und es dem Einfluss der südamerikanischen Staaten zu entziehen.

Ein anderer Grund für eine Besetzung könnte in den gewaltigen Ölvorkommen liegen, die unter Haiti vermutet werden. Glaubt man Daniel und Ginette Mathurin und ihrem Artikel "Haiti ist voller Öl", so hat "Haiti [...] zum Vergleich so viel mehr Erdöl als Venezuela, wie ein Glas Wasser und ein olympisches Schwimmbecken." Diese wurden bisher nicht angezapft, weil sie als "strategische Reserven der Vereinigten Staaten von Amerika" gelten und die USA eine Förderung nicht erlaubt hätten. Nun könnten die USA Angst haben, dass diese Vorkommen in die Hände Südamerikas fallen.
http://www.sein.de/news/2010/januar/wir ... setzt.html

..und ein Artikel aus dem Spiegel.
18.01.2010 | spiegel.de | Carsten Volkery, London
Haiti entwickelt sich wieder zur Kolonie

Die Folgen des Erdbebens in Haiti sind noch unabsehbar, doch die USA, Frankreich und Brasilien streiten bereits um die Vorherrschaft im Land. Die haitianische Regierung schaut ohnmächtig zu. Experten prognostizieren, dass das Land in den nächsten Jahren wieder zu einer Art Kolonie werden wird.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0 ... 31,00.html
Freiheit heisst nicht, zu tun was man tun will, sonder zu wollen was man tun muss. (G. Blocher)Bild

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ribiräbiruuu
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Re: Wird Haiti durch die USA besetzt?

Beitrag von ribiräbiruuu » 26 Jan 2010, 15:29

Bilderwandel: Vom Opfer zum Plünderer - Rezept: Soldaten

Schaut mensch sich einigermaßen konzentriert die diversen TV-Nachrichtenkanäle an, fällt es ziemlich schnell auf: Ein Bilderwandel in der Berichterstattung nicht unbedingt aus, jedoch über Haiti. Waren in den ersten Tagen Bilder von Opfern des großen Bebens der Medienhit, so kommt, nach einer Woche ungefähr, immer öfter eine andere Medienfigur ins Bild: Plünderer. Und für die gibt es ein Rezept: Soldaten. Unsere neue aktuelle Materialsammlung "Soldaten als Helfer?" vom 22. Januar 2010.

Soldaten als Helfer?

Das heisst natürlich nicht, das das Opfer völlig verschwindet - etwa, wenn die Bild-Zeitung sich an ihrer Stelle bei deutschen Unternehmen bedankt (nicht bei den Touristikunternehmen die an den Elektrozäunen gegen die Bevölkerung Haitis beteiligt sind). Aber es bedeutet, dass jetzt "Feuer frei!" gilt, oder zumindest vorbereitet wird. Denn "der Plünderer" ist zwar einerseits jemand, der sich eventuell holt, was er braucht, oder aber auch jemand, der versucht, an Geld zu kommen - als Medienfigur ist er aber vor allem eines: Gefährlich. Und da müssen dann die Soldaten her. Wenn dem so ist, dass es in diesem Falle vor allem die USA sind, die Soldaten "zur Hilfe" schicken und Kritik an den USA in der BRD immer leicht zu haben ist, sollte man nie vergessen, dass es auch in Afghanistan "Plünderer" gibt oder somalische Piraten eine noch gefährlichere Variante suggerieren. Im übrigen sind es natürlich keineswegs nur US-Soldaten, die die "Helfer sichern" sollen: Die nicht eben für ihre Nettigkeit bekannten Gebirgsjäger des ehrenwerten Herrn Berlusconi kommen auch, wie in dem Beitrag "Italienische Gebirgsjäger nach Haiti" von J. de St. Leu und Matthias Monroy auf Telepolis vom 21. Januar 2010 berichtet wird.
http://www.labournet.de/internationales ... daten.html

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Sansculotte
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Re: Wird Haiti durch die USA besetzt?

Beitrag von Sansculotte » 26 Jan 2010, 18:11

Haiti soll komplett neu erfunden werden

Bei einer Tagung in Montreal haben Vertreter von mehr als 20 Staaten über die Zukunft Haitis gesprochen. Dabei präsentierte der Ministerpräsident des Inselstaates seine Vision eines völlig anderen Haitis.


In Montreal hatten sich bis am Montagabend die Aussenminister und andere Vertreter von etwa 20 Staaten und Weltorganisationen getroffen, um über die Zukunft des vom Erdbeben zerstörten Haiti zu debattieren. Neben Grundlagen für die Haiti-Hilfe sei vor allem der Wiederaufbau ein grosses Thema der Konferenz gewesen, berichtet die spanische Tageszeitung «El Mundo». Dabei habe vor allem der haitianische Ministerpräsident Jean-Max Bellerive seine Ideen für ein «neues Haiti» präsentiert. Das Wort Wiederaufbau sei darum nicht geeignet, meinte er. Es würde bedeuten, dass sein Land wieder in den gleichen Zustand gebracht werde wie vor dem Beben.

Haiti Version 2.0

Bellerive hat eine «komplette Neuerfindung des haitianischen Staates» im Sinn. In erster Linie geht es ihm darum, dass es künftig keine Armenviertel mehr geben soll im Land. Vielmehr sollen weniger Bemittelte «über das ganze Land verteilt angesiedelt werden», um so bessere Sozialstrukturen zu schaffen. Auch die bisherige Hauptstadt Port-au-Prince soll komplett umgekrempelt werden. Es soll - nach dem Vorbild von Brasilia - künftig administratives Zentrum sein. Ausserdem soll die Stadt künftig weitaus weniger Bewohner haben als vor dem Erdbeben. Die Bevölkerung solle zu diesem Zweck auf andere Städte verteilt werden. Bislang lebten 3,5 Millionen der 9 Millionen Haitianer in Port-au-Prince.

Auch in wirtschaftlicher Hinsicht müsse es eine grundlegende Umstrukturierung geben, erläuterte Bellerive weiter. Ähnlich wie die Nichtregierungsorganisation Oxfam, fordert der Premier, dass entwickelte Länder in Haiti investieren und dabei vor allem auf alternative Energiequellen setzen, wie zum Beispiel die Windenergie. Das Ziel des Aufbaus sei, dass eine Katastrophe wie die jetzige nie mehr passiere.

Mindestens fünf Jahre zum Wiederaufbau

Premier Bellerive bat die internationale Gemeinschaft um langjährigen Beistand. Sein Land brauche mindestens fünf bis zehn Jahre lang Hilfe beim Wiederaufbau, sagte er. Das Volk sei ausgeblutet, gemartert und am Boden zerstört, sagte Bellerive. «Die Menschen von Haiti brauchen mehr und mehr Hilfe, um den Wiederaufbau zu schaffen.»

Auch die Leiterin des UNO-Welternährungsprogramms (WFP), Josette Sheeran, betonte am Montag, die Überlebenden des Erdbebens müssten viel länger versorgt werden als angenommen. Ursprünglich habe ihre Organisation mit zwei Millionen Menschen gerechnet, die während sechs Monaten versorgt werden müssten. «Jetzt gehen wir von mindestens zwölf Monaten aus», sagte Sheeran in New York.

Mittlerweile habe sich auch gezeigt, dass sich Haiti noch weniger selbst versorgen könne, als angenommen. «Haiti ist kein unabhängiges Land mehr», sagte Sheeran. Das Projekt Haiti sei eine der grössten, wenn nicht die grösste Herausforderung, vor der das Ernährungsprogramm in 40 Jahren gestanden habe.

Spezialkekse und Vitamine

Das Welternährungsprogramm will jeden erwachsenen Haitianer mit 2100 Kilokalorien am Tag versorgen. «Das schaffen wir derzeit nur mit Spezialkeksen, die einen besonders hohen Energieanteil haben. Die beschaffen wir zu Hunderttausenden in El Salvador», sagte Sheeran.

Zudem gebe es 400 000 Vitaminpäckchen speziell für Kinder. Die werden mit Wasser aufgegossen und sind sehr nahrhaft. Leider seien sie aber auch teuer, sagte Sheeran.

Allgemein sei die Verteilung das grosse Problem: Nach dem Beben in Pakistan seien ihre Mitarbeiter mit dem Helikopter und Aussenlasten besser vorangekommen als jetzt mit Lastwagen, sagte Sheeran. Diese bräuchten auf den Strassen von Port-au-Prince eineinhalb Stunden für zwei Kilometer.
(kle/sda)
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bebop
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Re: Wird Haiti durch die USA besetzt?

Beitrag von bebop » 27 Jan 2010, 00:10

Hab gerade einen Doku-Film über Haiti geschaut. Unglaublich krass was da zu sehen ist. Es geht um den Slum Cite Soleil, da leben mehr als 300'000 Menschen. Beherrscht werden sie von bewaffneten Gangs, die offiziell von der Regierung angestellt sind. Der Film spielt während des Putsches 2004 und beleutet die ereignisse extrem direkt.

Was ich sagen will: Unbedingt kucken!!!!!!!

Auf der Homepage des Films http://www.ghostsofcitesoleil.com kan man einen Trailer und ein paar Szenen schauen.
Es hat auch ne kurze lesenswerte Kritik: Haiti, Sex, Death

http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Haitis
Arroganz ist die Kunst, auf die eigene Dummheit stolz zu sein.

elite-handlanger
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Re: Haiti: Durch die USA besetzt?

Beitrag von elite-handlanger » 29 Jan 2010, 22:55

es war mir dann doch etwas schleierhaft weshalb die amis so sehr über das land hereingefallen sind. 12000 soldaten. katastrophenkapitalismus à la new orleans und tsunami in asien? schöpferische zerstörung. naturkatastrophen nutzen um sozioökonomische neuzusammensetzung sehr rasch und durchgreifend durchzusetzen. ein interessantes konzept. das für das kapital manchmal tatsächlich funktioniert hat. da viele länder die schulden beim iwf zurückbezahlt haben, funktioniert diese art der erpressung nicht mehr. mit der krise ist es wieder etwas am kommen, aber so ein erdbeben kommt der idealvorstellung einer tabula rasa viel näher.
naja, diese erklärung wird es sein, habe ich mir gedacht. aber was gibt es denn zu holen in haiti? früher waren die zuckerrohrplantagen. aber jetzt ja nicht mehr. staatsdienste, die man privatisieren könnte? nein. in haiti hat es nichts von "wert". strategische lage? kuba und venezuela. das sicher. ja. aber das erklärt nicht diesen extrem raschen und massiven aufmarsch von so viel militär. ein simpler test? full spectrum dominance, die neue militärdoktrin. möglich. aber doch eigentlich unnötig und teuer.
soweit so gut. mein problem war: katastrophenkapitalismus ist die einzige erklärung die sinn macht, aber es gibt keine hinweise auf politisch-ökonomische interessen, die ein schocktherapie plausibel erscheinen lassen würde.
jetzt habe ich aber einen report gefunden und einen artikel dazu. es lohnt sich den artikel zu lesen und im report etwas herumzuschmökern. ein ökonom der uni oxford hat mit zackiger logik für die uno einen reformplan gemacht. das war 2009. und tatsächlich: katastrophenkapitalismus. textilfabriken und mangoplantagen. argument: global konkurrenzfähige löhne. haitis unterklassen sind sehr arm und deshalb sehr billig. und: nur zwei flugstunden von miami beach entfernt. in china zumachen und in haiti aufmachen. so geht das. sonderwirtschaftszonen gleich nebenan. das ist wie die renault-fabrik, die sie im iran nach dem erdbeben neben der zerstörten stadt bam aufgemacht haben. der lohn ist da zur deckung der reproduktion. und zeltlager sind billiger als betonblocks. zeltlagerhomies können aber genauso t-shirts nähen oder mangos pflücken wie betonblocker. nur eben billiger. damit vergrössert sich die gewinnmarge. so ist eine zurichtung haitis nach kapitalistischen kriterien eben doch potenziell lukrativ.

ob es gelingt, ist die andere frage. der globale kampfzyklus der "hungerrevolten" im ersten halbjahr 2008 führte nur in haiti zum sturz der regierung. die gefahr von sozialrevolten ist sehr hoch. deshalb die vielen truppen. und deshalb die umsiedlungspläne. das risiko des scheiterns ist aber wohl doch sehr gross.

der artikel: http://docs.google.com/Doc?docid=0ATMdc ... emdq&hl=en, HAITI: „WIEDERAUFBAU“ – DER ANGRIFF KOMMT INS ROLLEN

die studie: http://www.focal.ca/pdf/haiticollier.pdf, Haiti: From Natural Catastrophe to Economic Security
Haitis Stärke: die Hungerlöhne

Solcherart eingestimmt, zeigt uns Collier den Weg zur Befreiung der haitischen Umwelt von „demographischen Tsunamis“ und des transnationalen Kapitals von der Angst vor Unruhen. Es gelte, rasch Unterklasseneinkommen zu schaffen und dies sei arbeitsintensiv möglich in der Infrastruktur und der Erweiterung der Exportzonen. Letztere könnten im Sektor Bekleidung global führend sein, ebenso dränge sich die verstärkte Hinwendung zu Plantagen von Exportmangos auf. Zu den Wettbewerbsvorteilen eines Clusters von Kleidersweatshops in Haiti zählt laut Collier nicht nur die geographische Nähe zum US-Markt und das Hope II-Abkommen mit den USA im Bereich der Kleidermaquila: „Dank seiner Armut und seinem relativ unregulierten Arbeitsmarkt hat Haiti Arbeitskosten, die mit China, dem globalen Massstab, voll konkurrieren können“. Für Haiti sieht Collier unter der wiederholt betonten Voraussetzung von Tiefstlöhnen Hunderttausende solcher Klitschenarbeitsplätze für die nächsten Jahre voraus. Zwecks grösserer Wettbewerbsfähigkeit sei in der Kleidermaquila unbedingt die Nachtschicht einzuführen, die bisher am Problem der Kriminalität auf den nächtlichen Arbeitswegen gescheitert sei. Doch die Lösung dieses Problems läge „klar innerhalb des Kapazitätsbereichs der Sicherheitskräfte. Dies ist vielleicht ein Beispiel für die Erfordernis einer klareren Koordination zwischen Sicherheit- und Entwicklungszielen“. Selbstredend brauchen die Exportzonen (Kleider und Mangos) private Stromerzeugung, private Häfen und eine Zollabwicklung am besten über die auch in Haiti schon einschlägig tätige SGS. Generell gelte es, auf diesem Weg des „Wiederaufbaus nach den Wirbelstürmen“ zügig voranzugehen, solange nämlich in den USA ein grosses Interesse an der haitischen Kleidermaquila bestehe.



Raumplanung für Weltmarktenklaven

Während der Infrastrukturbedarf für die Kleidersweatshops beträchtlich sei, brauche es für die Mangoexportzonen bloss „ein besseres Strassennetz in den Mangozonen“.

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Sansculotte
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Re: Haiti: Durch die USA besetzt?

Beitrag von Sansculotte » 06 Feb 2010, 14:58

Europas »Schutztruppe«

Während die humanitäre Soforthilfe für Haiti gering bleibt, setzen die früheren Kolonialmächte 300 Polizeisoldaten in Marsch
Von Sevim Dagdelen

Haitis Regierung geht mittlerweile davon aus, daß infolge des Erdbebens vom 12. Januar mehr als 200000 Menschen ums Leben gekommen sind. Weitere 300000 Menschen wurden verletzt, etwa 4000 von ihnen mußten Körperteile amputiert werden, weil die medizinische Hilfe zu spät kam. Schätzungen zufolge haben selbst drei Wochen nach dem Erbeben etwa zwei Drittel der Bevölkerung noch keinerlei Hilfe durch die internationale Gemeinschaft erhalten.

Ein Grund dafür, daß die internationalen Hilfslieferungen nur stockend in Haiti ankommen, ist die massive Stationierung von US-Truppen in dem Karibikstaat, die unter anderem den Flughafen von Port-au-Prince und die wichtigen Seehäfen blockieren. Während dies von Hilfsorganisationen, Regierungen der Nachbarstaaten und der haitianischen Bevölkerung kritisiert wird, halten sich die Vertreter der EU mit Kommentaren zurück. Von ihnen wird Haiti längst als Protektorat betrachtet, in dem sich die internationalen Großmächte ausprobieren und aufeinander abstimmen können.

Für das Europa-Referat des Bundestages ist das Erdbeben in Haiti primär ein »Testfall für die neuen Zuständigkeiten in der EU«. Nach dem Lissabon-Vertrag ist die Hilfe bei Naturkatastrophen Aufgabe der militärisch geprägten Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP), während für humanitäre Hilfe momentan noch Entwicklungskommissar Karel de Gucht zuständig ist. Zukünftig wird dies die Aufgabe der neuen Kommissarin für humanitäre Hilfe sein. Die bulgarische Kandidatin für dieses Amt, die ehemalige Weltbank-Vizepräsidentin Kristalina Georgiewa, forderte vor dem Europäischen Parlament bereits neben einer besseren Koordination innerhalb der EU eine effektivere Zusammenarbeit zwischen humanitären und militärischen Akteuren.

Während in Haiti Millionen Menschen unter den Folgen des Erbebens leiden, wird also auf den Brüsseler Fluren um Macht und Einfluß gefeilscht. Eine außerordentliche Sitzung des Rates zu Haiti wurde von Kompetenzstreitigkeiten überschattet, ihre Ergebnisse waren in humanitärer Hinsicht mager. Die Kommission stellte 30 Millionen Euro als Soforthilfe bereit, alle Mitgliedsstaaten zusammen gerade einmal weitere 92 Millionen. Dazu wurden langfristig weitere 300 Millionen Euro in Aussicht gestellt, die aber zum größten Teil ohnehin für Haiti vorgesehen waren und dort vor allem für den Aufbau der Sicherheitskräfte bestimmt sind.

Da kam eine Initiative der Regierungen Frankreichs und Italiens gerade recht. Zusammen mit drei weiteren ehemaligen europäischen Kolonialmächten, den Niederlanden, Portugal und Spanien, hatten diese am Rande eines informellen Treffens der EU-Verteidigungsminister im September 2004 beschlossen, eine European Gendarmerie Force (EGF) aufzustellen. Bereits seit Januar 2006 ist diese einsatzfähig und besteht aus den meist schon aus der Kolonialzeit bekannten Polizeisoldaten der Mitgliedsstaaten, die in Bataillons- und Kompaniestärke gemeinsam trainieren, über ein permanentes und mehrere mobile Hauptquartiere verfügen und binnen 30 Tagen einsatzfähig sein können. Obwohl die EGF bereits seit November 2007 im Rahmen der EU-Militärmission Althea in Bosnien und Herzegowina im Einsatz ist und künftig eine wesentliche Rolle bei der Militärausbildung in Afghanistan spielen soll, handelt es sich bei ihr um ein sehr informelles Konstrukt: Der Vertrag über die Einrichtung der EGF wurde von den beteiligten Regierungen erst im Oktober 2007 unterzeichnet und ist bis heute nicht ratifiziert. Die EGF verfügt über keine Rechtspersönlichkeit und keinerlei institutionelle Anbindung an die EU. Formal handelt es sich nur um das Projekt einiger Mitgliedsstaaten. Während die 300 europäischen Gendarmen bereits auf dem Weg nach Haiti sind, ist noch nicht einmal geklärt, ob die nationalen Parlamente dem Einsatz zustimmen müssen. Zugleich verstecken die ehemaligen Kolonialmächte Frankreich und Spanien das erneute Engagement ihrer Polizeisoldaten auf der Insel Hispaniola unter dem europäischen Sternenbanner, und die neue Hohe Vertreterin für die GASP und Vizepräsidentin der Kommission, Catherine Ashton, freut sich, von einer »extrem wichtigen Rolle der EU« beim Krisenmanagement reden zu können. Was aber die euro­päischen Gendarmen der haitianischen Bevölkerung zu bieten haben, ist klar: Schlagstöcke und Tränengas.

Sevim Dagdelen ist Sprecherin für Internationale Beziehungen der Bundestagsfraktion Die Linke

Quelle: Junge Welt
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-- gesperrt --
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Re: Haiti: Durch die USA besetzt?

Beitrag von -- gesperrt -- » 07 Feb 2010, 03:19

Auch sehr passend!


Die G7 Konferenz in Iqaluit :o im nördlichsten kanadischen Bundesstaat Nunavut, sich vor möglichen Protesten versteckend, hat beschlossen Haiti die Schulden zu erlassen :shock:

natürlich ausgenommen die von IWF und Weltbank :X

Bild von Iqaluit:

Bild

Kuddel
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Re: Haiti: Durch die USA besetzt?

Beitrag von Kuddel » 16 Feb 2010, 18:42

Die Prioritäten der Großmächte

PORT-AU-PRINCE/BERLIN - Berlin entwickelt Konzeptionen für eine langfristige Übernahme der Kontrolle über Haiti durch die westlichen Führungsmächte. Wie die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in einem neuen Strategiepapier schreibt, sei die Absicht der Großmächte deutlich, "Haiti nun nach ihren eigenen Prioritäten zu entwickeln". Die "geeignete Form" müsse jedoch "noch gefunden werden". Die SWP betrachtet vier unterschiedliche Varianten, die von der Installation einer "Entwicklungsagentur" in Haiti bis zur Unterstellung des Landes unter die Hoheit der UNO reichen. Letzteres Modell, das ungefähr der früheren Besatzungsverwaltung im Kosovo entspricht, werde derzeit "für den Fall versagender Staaten" allgemein diskutiert, teilt die SWP mit. Die EU markiert ihren Anspruch, sich an der Kontrolle Haitis zu beteiligen, mit der Stationierung ihrer Gendarmerietruppe in dem Land. Damit weiten sich die Aktivitäten europäischer Polizei- und Militäreinheiten in der Karibik und in den nahen Küstenregionen Lateinamerikas aus; auch Deutschland schickt zuweilen Repressionskräfte in die Region. Die Maßnahmen sichern Präsenz im Hinterhof der USA und vor allem in unmittelbarer Nähe zu widerspenstigen Staaten wie Venezuela und Kuba...
http://www.german-foreign-policy.com/de ... 26j6f67sm4

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Sansculotte
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Re: Haiti: Durch die USA besetzt?

Beitrag von Sansculotte » 16 Feb 2010, 21:49

heut im blick gestanden das französische leute ein gemälde "gerettet" haben. das wird aber selbstverständlich nicht da bleiben, sondern wird gleich nach frankreich verschifft. das gemälde hatte zusammenhang mit kolonialmacht und sklavenhandel. frankreich war mit-kolonie.
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Kuddel
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Re: Haiti: Durch die USA besetzt?

Beitrag von Kuddel » 20 Feb 2010, 00:01

Massenprotest in der Hauptstadt

Die ersten Vorboten der Regenzeit, die normalerweise im März beginnt, haben die Widersprüche in Haiti verschärft - in Port au Prince gab es größere Demonstrationen, und sogar die Kommerzmedien (nicht in der BRD, versteht sich) fangen an, über die Selbstorganisation in den etwa 350 Camps, in denen die unzähligen Obdachlosen sich sammeln, zu berichten. Einen aktuellen Einblick gibt der Beitrag "Capital's Residents Protest and Organize" http://weeklynewsupdate.blogspot.com/20 ... anize.html in der Ausgabe vom 14. Februar 2010 der Weekly News Update on the Americas, inklusive vieler Quellenverweise und - in diesem Falle brasilianischer - Basissolidarität von Gewerkschaften, die Conlutas angehören.


Sarkozy - not welcome

Per Hubschrauber überflog ein gewisser Ms Sarkozy die der EU keineswegs so dankbaren Massen der haitianischen Hauptstadt: Tausende hatten sich dem Aufruf zu einer Protestdemonstration angeschlossen, die von Anhänger des vertriebenen Präsidenten Aristide organisiert wurde. Der Bericht "Angry demonstrators demand Sarkozy to pay up and return Aristide to Haiti" http://www.haitiaction.net/News/HIP/2_1 ... 18_10.html des Filmemachers Kevin Pina vom 18. Februar 2010 beim Haiti Action Net konterkariert nicht nur die übliche westeuropäische dienstbare Medienberichterstattung - umfangreiches Bildmaterial macht die breite des Protestes deutlich, wie insgesamt bei diesem Netz viel über die Bestrebungen und Aktivitäten der Bevölkerung berichtet wird.

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