Schülerproteste

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Kuddel
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Schülerproteste

Beitrag von Kuddel » 16 Dez 2016, 10:54

Protest am Zürichsee
«So wie die Arbeiter in den Fabriken …»

Gegen die Kantonalzürcher Sparpolitik regt sich Widerstand. So protestieren SchülerInnen gegen Preisaufschläge beim öffentlichen Verkehr und Kürzungen im Bildungswesen.


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Neun Minuten dauert die Schifffahrt von Thalwil bis Küsnacht – fünf Franken kostet der neue Seezuschlag. Zusätzlich zur normalen Fahrkarte bezahlt man nun für die Fahrt über den Zürichsee extra. Deswegen hat die Gruppe «Schüler*innen gegen Sparmassnahmen» am Montag eine Protestaktion gegen den Seezuschlag organisiert, schliesslich fahren jeden Tag zahlreiche SchülerInnen mit dem Schiff über den Zürichsee zur Kantonsschule Küsnacht.

Die angekündigte Aktion stösst auf Interesse: Kurz nach sieben am Montagmorgen erwarten fünf PressevertreterInnen am Schiffssteg in Thalwil die ersten jugendlichen AktivistInnen. Es ist noch dunkel, als die SchülerInnen beginnen, ihre Protestschilder auszupacken, die Plakate aufzuhängen und das Kleingeld hervorzukramen. Ihr Plan: Sie bezahlen die fünf Franken Zuschlag nur mit Fünfräpplern – «um den reibungslosen Ablauf der Teuerung zu stören».

Pro Schule eine Million

Aber letztlich geht es den SchülerInnen mit der Aktion nicht nur um den Seezuschlag, sondern generell um die Sparmassnahmen im Kanton Zürich. «Wir setzen uns dort ein, wo es uns betrifft», sagt ein siebzehnjähriger Maturand. «So wie sich die Arbeiter in den Fabriken organisierten, schliessen wir uns gegen die Sparmassnahmen in der Bildung zusammen.» Eine Schülerin erzählt, wie sich die Kürzungen konkret im Schulalltag zeigen: «Sport als Freifach wird gestrichen, der Unterricht in Halbklassen auch, und den Deutschlehrern wird der Lohn gesenkt. Wir wollen das nicht einfach so hinnehmen.» Deswegen hatte sich die Gruppe schon im Januar am Tag der Bildung und im September am kantonalen Aktionstag gegen Sozialabbau engagiert.

18 von 21 Kantonen in der Deutschschweiz haben seit 2013 Sparmassnahmen im Schulsektor ergriffen oder geplant. Im Kanton Zürich sollen nun jährlich 49 Millionen Franken bei der Bildung gespart werden, davon 18 Millionen pro Jahr bei den Mittelschulen. Pro Schule dürfte dies bis zu einer Million sein.

«Die geplanten Massnahmen sind einschneidend», sagt Silvio Stucki, Präsident des Mittelschullehrpersonenverbands ZH (MVZ). So wird etwa das Pensum von LehrerInnen, die Deutsch oder moderne Fremdsprachen unterrichten, erhöht: Sie müssen eine Lektion pro Woche mehr unterrichten – zum gleichen Lohn. «Dahinter steckt mehr als eine Stunde Arbeit», sagt Stucki, «hinzu kommen die Vorbereitungszeit, das Korrigieren, die Betreuung der SchülerInnen …» Wer das Pensum nicht steigern kann, muss faktisch eine Lohnkürzung in Kauf nehmen. Ob diese Massnahmen rechtlich überhaupt zulässig sind, ist unklar. Deswegen hat der MVZ im August beim Verwaltungsgericht Klage eingereicht.

Im Januar hatte die Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) von «intelligentem Sparen» gesprochen – «ohne Abbau der Qualität». Im November ist klar geworden, was Steiner damit meint: Ihre Direktion streicht unter anderem die Unterstützung für Deutsch- und Alphabetisierungskurse. Zahlreiche Kurse stehen damit vor dem Aus, denn die TeilnehmerInnen (vorwiegend MigrantInnen) können die Kosten dafür kaum selbst bezahlen. Integrationsarbeit sei nicht ihre Aufgabe, heisst es vonseiten der Bildungsdirektion. Aber die Lücken, die Sparmassnahmen wie diese hinterlassen, werden letztlich freiwillige, solidarische Projekte – wie die Autonome Schule Zürich oder das Solidaritätsnetz – füllen müssen, weil der Kanton lieber «intelligent spart».

Asoziale Abbaupolitik


Die Kürzungen bei der Bildung gehören zum Sparpaket des Zürcher Regierungsrats. In den kommenden drei Jahren will der Kanton insgesamt 1,8 Milliarden Franken einsparen. Neben dem Schulsektor ist besonders das Gesundheitswesen davon betroffen. Aber auch bei den öffentlichen Verkehrsmitteln wird gekürzt. Diese Sparpläne werden noch vor der einschneidenden Unternehmenssteuerreform III umgesetzt, über die im Februar abgestimmt wird. Sie sieht neue Steuerprivilegien für Unternehmen vor, was wiederum riesige Ausfälle in der Staatskasse zur Folge hätte. Um diese Defizite zu kompensieren, bliebe dem Staat wiederum nichts anderes übrig, als die Steuern für die natürlichen Personen zu erhöhen. Oder aber weitere Sparmassnahmen durchzuboxen – in der Bildung, der Kultur, der Gesundheit.

Mit ihrem Widerstand gegen die Zürcher Sparpläne sind die GymischülerInnen nicht allein: Ebenfalls am Montagmorgen rief das «Bündnis gegen Sparpolitik» zum Protest gegen die «bürgerliche Sparideologie» und die «asoziale und verantwortungslose Abbaupolitik» auf – rund fünfzig Personen versammelten sich vor dem Zürcher Kantonsrat und zeigten zu Beginn der Budgetdebatte den PolitikerInnen symbolisch die Rote Karte. Bereits im September waren in Zürich über tausend DemonstrantInnen gegen die Sparpläne auf die Strasse gegangen.

Als das Schiff in Thalwil ablegt, sind die meisten Fahrgäste SchülerInnen der Kantonsschule Küsnacht, die mit ihren Fünfräpplern Schlange stehen. Die Zürcher Schifffahrtsgesellschaft hatte sich jedoch ebenfalls auf die Aktion vorbereitet – mit einer Münzmaschine und einer beschwichtigenden Geste: Zum Zuschlagsticket bekommen alle einen Schoggitaler. Dafür scheint das Budget dann doch zu reichen.
http://www.woz.ch/1650/protest-am-zueri ... n-fabriken

Kuddel
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Re: Schülerproteste

Beitrag von Kuddel » 13 Apr 2017, 21:37

Landesweite Schülerdemonstrationen
Der Whatsapp-Protest

Mit der vollen Wucht der Social Media organisieren Schülerorganisationen am Mittwoch Grossaufmärsche gegen Sparmassnahmen bei der Bildung. Ungewöhnlich ist, wie die jungen Leute die Aktion finanzieren.


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Es war die Idee der Luzerner Regierung, die Gymnasien und Berufsschulen für eine Woche zwangsweise zu schliessen, die im November 2013 die Schüler auf die Barrikaden gehen liess. «Innerhalb von wenigen Stunden wurde damals der Verband Luzerner Schülerorganisationen gegründet», erinnert sich VLSO-Präsident Serafin Curti. Als die aus Spargründen angeordneten Zwangsferien drei Jahre später dann wirklich Tatsache wurden, sah sich der bürgerlich dominierte Kantonsrat vor der Budgetberatung einer wohlorganisierten Protestwelle gegenüber.

Lose Organisation, hohe Mobilisierung

Nicht nur im Kanton Luzern gingen in den letzten Monaten Schüler auf die Strasse, um sich gegen den Bildungsabbau zu wehren, wie sie es nennen. Im Aargau führten sie zusammen mit den Lehrerinnen und Lehrern vor der entscheidenden Session des Grossen Rates eine Kundgebung durch. In der Stadt Zürich organisierte die Gruppe «Schülerinnen und Schüler gegen Sparmassnahmen» Anfang Februar die Besetzung des Gymnasiums Stadelhofen. Kurz darauf legten Zürcher Schüler zur Mittagszeit das Bellevue lahm. Initiiert wurde die letzte Aktion von einem rund 15-köpfigen, lose per Handy-Chats organisierten Komitee.

Am kommenden Mittwoch soll die Protestwelle im Rahmen eines Aktionstages nun durch das ganze Land schwappen. In Luzern, Zürich, Aarau, Basel und Genf sind grosse Demonstrationen geplant. Es sind wohl die grössten Schülerproteste, die die Schweiz bisher gesehen hat. Die Vernetzung der Organisationskomitees in den einzelnen Kantonen erfolgte fast ausschliesslich über die sozialen Netzwerke. Koordiniert wurden Kundgebungen innerhalb einer Whatsapp-Gruppe, wie Curti erklärt. Allein im Zürcher OK waren rund dreissig Leute während anderthalb Monaten aktiv.

Sitzungen in der realen Welt gab es so wenig wie möglich. Die Schülervertreter aus Genf wurden jeweils per Skype zugeschaltet, um Zeit und Kosten zu sparen. Auch die Mobilisierung läuft beinahe ausschliesslich über die sozialen Netzwerke. Statt im grossen Stil Flyer zu drucken, wird über Facebook, Twitter und Instagram zur Teilnahme an den Demos aufgerufen. Wer den Lead hatte, ist aus dem Hashtag ersichtlich, dieser heisst #KeLoscht. «Dieses Zugeständnis an die Luzerner mussten wir machen, da sie schon früher damit gearbeitet haben», meint Timothy Oesch, Sprecher des Dachverbandes der Zürcher Schülerorganisationen (ZSO). Das Motto lehnt sich an den Ausspruch von Ueli Maurer, der nach der Bundesratswahl keine Lust hatte, Medienfragen zu beantworten.

Bildung als Menschenrecht

Auf die Strasse gehen die Gymnasiasten in erster Linie in jenen Kantonen, die gegenwärtig unter grossem Spardruck stehen. Ganz konkret wehren sich die Luzerner Schüler gegen die Zwangsschliessungen von allen Gymnasien und Berufsschulen für eine Woche. «Diese unsinnige Sparmassnahme, die auf lange Frist nicht nachhaltig ist, darf nicht zum Normalfall werden», fordert Serafin Curti. Mobil gemacht wird am Aktionstag auch gegen eine drohende Schulschliessung in der Stadt Luzern sowie eine vom Kantonsrat beschlossene Pensenerhöhung für die Lehrpersonen.

Auch die Schülerorganisationen des Kantons Zürich sind nicht bereit, die vom Zürcher Kantonsrat bereits beschlossenen und in Aussicht gestellten Kürzungen bei der Mittel- und Hochschulbildung zu akzeptieren. Doch es geht den jungen Leuten auch grundsätzlich um den Stellenwert der Ausbildung. «Die Botschaft soll sein, dass Bildung eines der Menschenrechte war, ist und bleiben soll», betont Timothy Oesch. Für den ZSO «stellt Bildung einen Selbstzweck dar», heisst es in einer Medienmitteilung der Organisation.

Nicht vereinnahmen lassen


Gegen die Sanierungs- und Sparpakete diverser Kantone wehren sich auch Linke, Gewerkschaften, linke Parteien und Lehrer. In diesen Kreisen ist denn auch die Versuchung da, die Schülerorganisationen für sich zu vereinnahmen. Gegen solche Tendenzen wehren sich die jungen Demonstranten jedoch vehement. «Wir wollen unabhängig sein und nehmen daher keine finanzielle Unterstützung von Parteien oder anderen Organisationen an. Auch treten diese nicht als Mitorganisatoren auf», erklärt Curti.

Auch gute Ratschläge von Dritten verbittet man sich. «Uns ist sehr wichtig, dass wir innerhalb der Gesetze auf unsere Anliegen aufmerksam machen und keine Angriffsfläche bieten», betont Curti. So darf Juso-Präsidentin Tamara Funiciello in Luzern reden, doch Dreinreden wird nicht akzeptiert.

Ursprünglich planten die Schülerorganisationen am 5. April eine zentrale Demonstration in der Stadt Luzern. Nachdem sich abzeichnete, dass der Andrang der Protestierenden in der Leuchtenstadt zu Problemen führen könnte, wurde das Konzept mit Solidaritätskundgebungen in Zürich, Aarau, Basel und Genf entwickelt. Ausserdem werden Schülerinnen und Schüler aus den Kantonen Bern und Graubünden am Aktionstag in Luzern teilnehmen. Mit den SBB haben die Organisatoren vereinbart, dass alle Schüler für maximal 7 Franken nach Luzern und von dort zurück an ihren Wohnort fahren können. Die Differenz zum normalen Ticket bezahlt der VLSO aus seiner eigenen Kasse. Alimentiert wird diese durch Geld, das man durch die Organisation von Schülerpartys einnimmt.
https://www.nzz.ch/schweiz/landesweite- ... -ld.154636

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