Schleichende Arbeitszeitverlängerung

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beule
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Schleichende Arbeitszeitverlängerung

Beitrag von beule » 22 Jan 2010, 18:45

Kürzlich habe ich Texte zur Ersten Internationale und zur Commune Paris gelesen. Wenn ich bedenke, dass schon damals für den acht Stunden Tag gekämpft wurde, empfinde ich es nur als Witz, das heutzutage ein Arbeitstag von 8,5 Stunden sozusagen als normal angesehen wird. Die Überstunden und das Mittagessen noch nicht einmal eingerechnet. Müssten wir nicht schon längst für kürzere Arbeitstage kämpfen anstatt die schleichende Arbeitstagverlängerung stillschweigend zu akzeptieren.

beule

wee
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Re: Schleichende Arbeitszeitverlängerung

Beitrag von wee » 22 Jan 2010, 23:04

Heutzutage wird ja allerhand Stück für Stück abgebaut, was man früher mal hart erkämpfen musste...die ganzen Sozialwerke etc. Es überrascht nicht, dass auch die Arbeitszeiten angegriffen und verlängert werden. Laut einem Artikel aus Mitte 2003 hätte man damals mit einer sofortigen Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit um eine Stunde ohne Lohnausgleich der schwächelnden Konjunktur auf die Beine helfen und das prognostizierte Wirtschaftswachstum mehr als verdreifachen können.

Für die Erwerbsabhängigen bringt das schöne Wirtschaftswachstum zwar bekanntermassen unterproportional wenig bis nichts, dafür ist es für die Chefs umso interessanter (siehe die entsprechende Studie der ILO:
Linkes Kästchen http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/sta ... y/24693966
Mitte Artikel http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/doss ... y/15328167
http://www.welt.de/wirtschaft/article27 ... luste.html)

Situation in Deutschland: 2007 warens noch 39.31 Stunden, aber das war für die Wettbewerbsfähigkeit wohl nicht genug...
http://www.focus.de/karriere/berufslebe ... 35096.html

...drum sinds 2009 schon schöne 41.2 Stunden :X
http://www.bz-berlin.de/aktuell/deutsch ... 34956.html

Dazu kommen tendenziell längere Arbeitswege:
http://www.n24.de/news/newsitem_5566770.html
http://www.mittelstanddirekt.de/c183/m1 ... fault.html

-- gesperrt --
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Re: Schleichende Arbeitszeitverlängerung

Beitrag von -- gesperrt -- » 25 Jan 2010, 10:20

Damals, also vor etwa 100 Jahren, hat man ja auch Samstags nur am Morgen gearbeitet und dies auch hart verteidigt 8-)

Der Nachmittag war da um sich zu waschen, damit man sauber und wohl schmeckend seinen freien Sonntag geniessen durfte :mrgreen:

Heute dagegen herrschen Samstags immer längere Lädenöffnungszeiten.....

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lucky puke
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Re: Schleichende Arbeitszeitverlängerung

Beitrag von lucky puke » 05 Feb 2010, 16:48

Finde ich ein extrem wichtiges Thema!

In der Schweiz wurde diesbezüglich mal wieder ein neuer "Rekord" aufgestellt. Da weis man wirklich nicht ob man weinen oder lachen soll...
In der Schweiz wird immer mehr gearbeitet
Im Jahr 2008 sind in der Schweiz fast 7,4 Milliarden Arbeitsstunden geleistet worden - ein neuer Rekord. Die wöchentliche Arbeitszeit lag bei über 42 Stunden.

Die Arbeitnehmenden in der Schweiz haben im Jahr 2008 insgesamt 7,382 Milliarden Arbeitsstunden geleistet. Das sind 1,8 Prozent mehr als im Vorjahr, wie das Bundesamt für Statistik mitteile.

Zu dieser Steigerung beigetragen haben sowohl 2,2 Prozent mehr Beschäftigte als auch 0,3 Prozent mehr Arbeitstage. Allerdings ging die Arbeitszeit pro Arbeitsstelle im Vergleich zu 2007 um 0,7 Prozent zurück.

Die tatsächlich geleistete wöchentliche Arbeitszeit pro Arbeitsstelle lag bei 42 Stunden und vier Minuten. Seit 2003 ist sie damit um elf Minuten gewachsen. Im Gegensatz zu den Arbeitnehmern nahm bei den Selbstständigerwerbenden die Menge der geleisteten Arbeitsstunden im Vergleich zum Vorjahr um 4,9 Prozent ab.

Die Überzeit blieb zwischen 2003 und 2008 für Vollzeitarbeitnehmende unverändert und beträgt weiterhin eine Stunde und 8 Minuten pro Woche. (haem, sda/ap)
http://www.drs.ch/www/de/drs/nachrichte ... -mehr.html

Was da noch dazukommt, sind die immer längeren Arbeitswege. Und das fast immer unbezahlt, obwohls viel mehr mit "Arbeit" als mit "Freizeit" zu tun hat.

Aber einmal ist auch Wochenende: Bild
Freiheit heisst nicht, zu tun was man tun will, sonder zu wollen was man tun muss. (G. Blocher)Bild

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bebop
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Re: Schleichende Arbeitszeitverlängerung

Beitrag von bebop » 14 Apr 2010, 09:44

kanagiri hat geschrieben:Der Nachmittag war da um sich zu waschen, damit man sauber und wohl schmeckend seinen freien Sonntag geniessen durfte :mrgreen:
...heute wird das von jedem auch an jeden Wochentag verlangt, und die meisten opfern dafür sogar freiwillig ihre knappe Freizeit. Sauerei! :lol:

Ich bin beim arbeiten im Archiv auf ein geiles Zeitungsinserat gestossen, dass ich euch nicht vorenthalten wollte. Unternehmerpropaganda in der NZZ, 1920.

Bild
Unmittelbares Resultat des schweizer Generalstreiks 1918 war die Einführung der 48 Stundenwoche. Das stellte damals schon eine massive Reduzierung der Arbeitszeit dar, siehe http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D16533.php.
Arroganz ist die Kunst, auf die eigene Dummheit stolz zu sein.

antonov
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Re: Schleichende Arbeitszeitverlängerung

Beitrag von antonov » 14 Apr 2010, 11:05

damals vor über 100 jahren ...
Haymarket Affair

Anfang 1886 rief die nordamerikanische Arbeiterbewegung zur Durchsetzung des Achtstundentags zum Generalstreik am 1. Mai auf – in Anlehnung an die Massendemonstration am 1. Mai 1856 in Australien, welche ebenfalls den Achtstundentag forderte. Der 1. Mai war traditionell auch der sogenannte moving day, an dem öfter Wechsel im Beruf oder Wohnort durchgeführt wurden. Es kam darauf zu Massenstreiks und Demonstrationen in den Industrieregionen.

Auch in einer Chicagoer Fabrik für landwirtschaftliche Geräte erklärten sich zu dieser Zeit die Mehrheit der Arbeiter solidarisch gegen die Betriebsleitung und drohten mit Streik. Auch sie waren nicht zufrieden mit dem 12-Stunden-Tag bei einem Durchschnitts-Tagesverdienst von 3 US$. Für diese 3 US$ bekam man im Jahr 1886 in einem Restaurant ein mageres Abendessen. Die Geschäftsleitung reagierte mit Massenaussperrungen, und versuchte die nun 800 bis 1000 freien Stellen mit neuen Einwanderern zu besetzen. Durch die Kampagnen der sozialistischen Arbeiter-Zeitung hatten sich jedoch nur 300 neue Arbeiter gemeldet, während in anderen Fällen Arbeiter vor der Fabrikpforte Schlange standen. Das kann heute als großer Sieg der Gewerkschaft gewertet werden.

Drei Wochen später hielt August Spies, der Chefredakteur und Herausgeber der Arbeiter-Zeitung, am Abend des 1. Mai 1886 auf einer Arbeiterversammlung auf dem Haymarket in Chicago eine Rede. Nach der Haymarketversammlung – Ursprung des Arbeiterklassenbewusstseins – folgte ein mehrtägiger Streik in Chicago und führte zunächst am 3. Mai zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und der Polizei, wobei zwei Demonstranten getötet wurden. Bei einer Protestkundgebung am darauf folgenden Tag eskalierte die Gewalt. Nach der Stürmung der friedlichen Versammlung durch die Polizei warf ein Unbekannter eine Bombe, die einen Polizisten sofort tötete und zahlreiche Polizisten wie auch Demonstranten verletzte. Sechs weitere Polizisten starben an den Folgen des Bombenanschlags. Bei dem anschließenden Gefecht, das in die US-Geschichte als Haymarket Affair eingegangen ist, wurden mehr als 200 Arbeiter verletzt, die Zahl der Toten wird mit sieben Polizisten und schätzungsweise der dreifachen Anzahl auf Seiten der versammelten Arbeiter angegeben.

Acht Anarchisten, die die Kundgebung organisiert hatten, wurden festgenommen und der Verschwörung angeklagt. Vier von ihnen, darunter der Chefredakteur und Herausgeber der Arbeiter-Zeitung Spies, wurden am Strang hingerichtet, einer beging in seiner Zelle Suizid. Die noch lebenden drei wurden sechs Jahre später begnadigt.

Auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationalen 1889 wurde zum Gedenken an die Opfer des Haymarket Riot der 1. Mai als „Kampftag der Arbeiterbewegung“ ausgerufen. Am 1. Mai 1890 wurde zum ersten Mal dieser „Protest- und Gedenktag“ mit Massenstreiks und Massendemonstrationen in der ganzen Welt begangen.

---> Quelle Wiki

Kuddel
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Re: Schleichende Arbeitszeitverlängerung

Beitrag von Kuddel » 01 Okt 2020, 09:57

Ausbeutung auf Kehrichtverbrennungsanlage:
Polnische Bauarbeiter haben 75-Stunden-Wochen

Rund 60 Bauarbeiter aus Polen werden auf der Kehrichtverbrennungsanlage der Industriellen Werke Basel (IWB) ausgebeutet.


Die Tage der polnischen Arbeiter sind endlos. Morgens um kurz nach sechs Uhr müssen sie bereitstehen für den Shuttlebus, der sie aus der schmucklosen Arbeiterbaracke in Wehr (D) in die Kehricht-verbrennungsanlage (KVA) an der Hagenaustrasse in Basel bringt. Nach einer Stunde Busfahrt warten Zehnstundenschichten, in denen es höchstens kleine Pausen gibt. Wer Pech hat, der muss in der Nachtschicht ran. Dann heisst es: Durcharbeiten, mit Schutzmaske, bis man morgens völlig erschöpft wieder abgeholt und in der Herberge abgeladen wird.

Mehrere mündliche Quellen sowie Dokumente fördern zutage, wie die Arbeitskräfte ausgebeutet werden – und wie das schweizerische Arbeitsrecht ausgehebelt wird.(...)
https://www.bzbasel.ch/schweiz/nach-beg ... -139306734

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