wir schweizer lassen fast alles mit uns machen

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gingerbreadman
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wir schweizer lassen fast alles mit uns machen

Beitrag von gingerbreadman » 04 Mai 2011, 13:10

Guter Artikel im Beobachter zur schweizerischen Primärtugend, der Leistungsbereitschaft.

Ganz im Gegensatz zum Mythos von den "freien Schweizern" sehe ich viele, die sich so einiges bieten lassen oder sich selber zumuten. Man ordnet sich unter, schliesslich hat man das immer schon so gemacht. Aufmucken ist unschweizerisch, das machen nur die Franzosen und die faulen Griechen etc. :|
Moderne Arbeitswelt
«Wir Schweizer lassen fast alles mit uns machen»
Susanne Loacker // Beobachter // Ausgabe 9/11

Boom und Krise in immer kürzerer Folge, Entlassungen, dann wieder Überstunden. Dazu unmenschliche Chefs: Experte Dieter Kissling über die moderne Arbeitswelt.

Dieter Kissling ist auf Arbeitsmedizin spezialisiert und führt in Baden das Institut für Arbeitsmedizin.


Beobachter: Die Arbeitswelt verändert sich immer schneller. Spüren Sie die Folgen in Ihrer täglichen Arbeit als Arbeitsmediziner?
Dieter Kissling: Ja. Die Menschen, die zu uns kommen, leiden unter dem stetig steigenden Druck, dem sie sich bei der Arbeit ausgesetzt fühlen. Der Druck entsteht durch die Arbeitsmenge, durch technische Veränderungen oder weil ihnen keine klaren Grenzen gesetzt werden.

Beobachter: Was beschäftigt die Leute am stärksten?
Dieter Kissling: Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. 66 Prozent sagen das. Studien zeigen zwar, dass das auch zu Zeiten der Hochkonjunktur nicht viel anders war. Hinzu kommt, dass die Anforderungen an die Arbeitnehmer immer grösser werden. Sie müssen mit dem technologischen Wandel Schritt halten, müssen sich ständig fort- und weiterbilden und immer auch den Arbeitsmarkt im Auge behalten. Arbeitnehmer müssen sich heute so verhalten, als wären sie ihr eigener Unternehmer.

Beobachter: Wie kann man mit diesem scheinbar übermächtig werdenden Druck umgehen?
Dieter Kissling: Es gilt der einfache Grundsatz: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Es hilft nur schon, wenn man in der Partnerschaft darüber spricht, mit Kollegen, allenfalls auch mit dem Vorgesetzten. Es ist deshalb auch so wichtig, dass Chefs kommunizieren, wo man als Angestellter steht, und offen informieren, wie es der Firma geht. Probleme sollten frühzeitig angesprochen werden.

Beobachter: Wann muss man aufpassen?
Dieter Kissling: Wenn man damit beginnt, sein soziales Leben für den Job zu opfern. Die Arbeit kann man einem wegnehmen, das soziale Umfeld eigentlich nicht. Nur auf den fremdbestimmten Teil seiner Existenz zu fokussieren kann gefährlich sein.

Beobachter: Gehen einige besser mit der Unsicherheit um als andere?
Dieter Kissling: Wer weiss, dass er morgen einen neuen Job hat, ist weniger ängstlich. Aber auch da bewegen wir uns in Richtung einer Zweiklassengesellschaft: auf der einen Seite die gut Verdienenden, die besser mit Unsicherheit umgehen können, auf der anderen Seite schlecht Verdienende mit Patchwork-Lebensläufen, die nicht selten zwei, drei Jobs nebeneinander haben und von diesen Einkünften völlig abhängig sind.

Beobachter: Verhalten sich Schweizer da anders als andere?
Dieter Kissling: Wir Schweizer erdulden sehr viel, lassen fast alles mit uns machen – aus Angst, den Job zu verlieren. Und wer keine Arbeit hat, gerät fast zwangsläufig in eine Sinnkrise. Darum haben bei uns Arbeitslose fünfmal häufiger gesundheitliche Probleme als Leute, die sich in ihrem Job relativ sicher fühlen. Zudem gibt es das Wort Musse in unserem Wortschatz gar nicht mehr. Diese extreme Leistungsfokussierung unserer Generation kann aber bei unseren Kindern eine Gegenreaktion verursachen. Was meiner Meinung nach auch gut wäre.

Beobachter: Brauchen wir denn eine andere Art von Chefs?
Dieter Kissling: Wir brauchen Teamleiter, die nicht mit Druck führen, sondern sozial integrierend, die Vorbildfunktionen übernehmen, die hohen ethischen Ansprüchen genügen. Nur wer solche Fähigkeiten hat, sollte Leadership- oder Management-Ausbildungen machen und dort nützliche Tools lernen, um Teams besser zu führen. Selbstverständlich gibt es Leute, die diese Fähigkeiten überhaupt nicht besitzen. Menschen mit wenig emotionaler Intelligenz kann man nicht zu Chefs machen.

Beobachter: Wie wird man ein guter Chef?
Dieter Kissling: Ich habe schon Chefs erlebt, die selber schlechte Phasen, Mobbing oder Krisen hatten. Die sagen dann ganz klar, dass sie aus dieser Situation gelernt haben und es besser machen wollen. Wichtig ist aber auch, dass man schon bei der Selektion von Führungskräften anders vorgeht: Man sollte neben den eigentlichen Management-Fähigkeiten auch die Leadership-Kompetenzen bewerten. An der Universität St. Gallen fängt man damit an, allerdings erst am Rande. Das Wissen um den Cashflow ist noch immer viel wichtiger als die Kompetenz, Menschen zu führen.

Beobachter: Was kann man dagegen tun?
Dieter Kissling: Je länger, je wichtiger wird es, dass man sich selber vernünftig einschätzen kann. Natürlich höre ich täglich von Leuten, die übervorsichtig sind, die sich kein Einfamilienhaus und kein teures Auto leisten, nur um auf der sicheren Seite zu sein. Das hat sehr viel mehr mit der persönlichen Einstellung zu tun als mit der Frage, ob man in einer objektiv gefährdeten Branche arbeitet. Umgekehrt macht es mir Sorgen, dass bei den momentan tiefen Hypozinsen viele der Verlockung nicht widerstehen können, ein Haus zu kaufen, und sich so bis an die Grenzen der Verkraftbarkeit verschulden. Das kann heikel werden, die Angst um den Arbeitsplatz noch verstärken.

Beobachter: Wie müssen die Firmen reagieren auf die grosse Angst ihrer Angestellten, den Job zu verlieren?
Dieter Kissling: Das wirksamste Mittel ist eine florierende Wirtschaft, die neue Arbeitsplätze schafft. Und tragfähige Unternehmen, die auch Krisensituationen überstehen. Die Stärke des Frankens bereitet mir deshalb grosse Sorgen. Nur wenn wir die Produktivität unserer Wirtschaft steigern, kommen wir mit dem Zerfall von Euro und Dollar klar.

Beobachter: Wie kommen wir dorthin?
Dieter Kissling: Mit mehr Leistung. Ich weiss: Hier beisst sich die Katze in den Schwanz.
http://www.beobachter.ch/arbeit-bildung ... ns-machen/

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Sansculotte
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Re: wir schweizer lassen fast alles mit uns machen

Beitrag von Sansculotte » 04 Mai 2011, 17:09

Ja hier lässt man vieles mit sich machen. Die Schweizer wandern aber nur selten aus oder gehen in die ferne zum arbeiten. irgendwie hat sich da noch kein richtiges Land gefunden *g*

Die Chinesen gingen zu den Polen, die Polen zu den Deutschen, die Deutschen zu den Schweizern ...ja und wo soll der Schweizer Arbeiter hin? Schweden wär noch schön und wir werden sowieso die ganze zeit mit denen verwechselt... ;)

Spass beiseite; Die Schweiz hatte noch nie ein grosses Bewusstsein in Sachen Arbeitskonflikt. Wenn man zudem ins Ausland schaut, geht es (so komisch es auch tönt) zu vielen (noch) zu gut. Anstatt Hinterfragungen anzustellen gehen viele der SVP auf den Leim, welche die einfach Lösung hat; der Ausländer sei schuld! (Ist ja jetzt auch am AKW-GAU in Fukushima schuld).
Es ist nur sehr traurig für jene, die heute schon kaum klarkommen (mit dem Lohn oder mit anderem) und sich dies in Zukunft wohl noch massiv verschlechtern wird.
aramtamtam aaaaaaramtamtam!!!

Kuddel
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Re: wir schweizer lassen fast alles mit uns machen

Beitrag von Kuddel » 28 Mai 2012, 10:33

...und diejenigen, die nicht produktiv sein wollen oder können, passen nicht in diese Ordnung. Man will sie nicht sehen und räumt sie fort wie Müll.
Wegweisungen
Der Kampf um propere Städte
Zu Beginn waren die Wegweisungen unliebsamer Individuen im öffentlichen Raum heftig umstritten. Inzwischen ist die Massnahme quer durch die Schweiz fast schon Standard.

Von Andreas Kneubühler

Wegweisungen sind eine Berner Erfindung. Man könnte von einem höchst erfolgreichen Exportschlager sprechen. Gemeint ist die Möglichkeit, Randständige von bestimmten Plätzen und Quartieren fernzuhalten, mit der einzigen Begründung, dass sie stören. Die Wegweisungen sind aber vor allem ein Musterbeispiel dafür, wie eine Massnahme zuerst mit einer konkreten Situation begründet wurde, wie sie dann festgeschrieben und gesetzlich verankert werden konnte, um anschliessend von immer mehr Gemeinden und Kantonen übernommen zu werden, bis sie zum repressiven Mainstream gehört. Der Wegweisungsartikel ist heute Standard für jedes revidierte Polizeigesetz.

Der eigentliche Erfinder war 1998 der inzwischen verstorbene Berner FDP-Kantonsrat Kurt Wasserfallen. Die Massnahme war eine Reaktion auf die grosse Szene von Obdachlosen, Drogenabhängigen und AlkoholikerInnen, die sich zu der Zeit rund um den Berner Hauptbahnhof gebildet hatte. Als Wasserfallen dann zum Polizeidirektor gewählt wurde, setzte er den Gesetzesartikel sofort rigoros um. Bei der ersten Razzia am Bahnhof mit den ersten Wegweisungen von Randständigen soll er persönlich anwesend gewesen sein.

Die absolut sichere Gesellschaft

Es ging von Beginn an um die Verteidigung eines bestimmten Stadtbildes, eines, in dem Randständige keinen Platz haben, jedenfalls nicht an repräsentativen Orten. Die Wirkung der Massnahme war hingegen nie ein Thema. Die Berner Soziologin Karin Gasser hielt damals in einer Untersuchung fest, dass sich die Debatte über Sicherheit und Sauberkeit verselbstständigt habe und «immer weniger von konkreten Problemen ausgeht, sondern am ehrgeizigen Ziel einer absolut sicheren Gesellschaft festhält».

Konkret können aufgrund des in Bern kreierten Gesetzesartikels Personen weggewiesen werden, wenn «der begründete Verdacht besteht, dass sie oder andere, die der gleichen Ansammlung zuzurechnen sind, die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährden oder stören». Die Zahl der Wegweisungen stieg rasch: 2001 wurde die Massnahme bereits 755 Mal ausgesprochen. Natürlich gab es Widerstand. In Bern war vor allem der inzwischen verstorbene Anwalt und Stadtparlamentarier der Grünen, Daniele Jenni, aktiv. Er versuchte, den Artikel gerichtlich anzufechten. Für ihn stellte er einen Verstoss gegen die Grundrechte dar. Diese Ansicht konnte er allerdings nicht bis vor Bundesgericht durchsetzen. Erreicht wurde nur, dass die Dauer der Wegweisungen begrenzt wurde und die Massnahme besser begründet werden muss.

Dem Berner Beispiel folgten andere Städte. 2004 führte Winterthur den Wegweisungsartikel ein, ohne dass es dagegen einen nennenswerten Widerstand gegeben hätte. 2005 kopierte der St. Galler Stadtrat den Berner Artikel für das städtische Polizeireglement. Begründet wurde die Notwendigkeit mit jugendlichen Punks auf dem Bahnhofplatz, die angeblich die PassantInnen durch Betteleien störten. SP und Grüne ergriffen das Ratsreferendum. Es kam zu einem harten Abstimmungskampf. Das Abstimmungsergebnis war dann allerdings klar: Das Polizeireglement wurde 2005 mit einem Ja-Stimmen-Anteil von 66 Prozent angenommen. Im Jahr darauf begann man in St. Gallen mit Wegweisungen. Zuerst waren es 49 – wohl noch als Folge der Kritik aus dem Abstimmungskampf. 2007 waren bereits mehr als doppelt so viele, nämlich 118 Personen, betroffen.

St. Gallen schlägt alle

Inzwischen ist St. Gallen zur «Grossstadt der Wegweisungen» geworden, wie das «St. Galler Tagblatt» kürzlich titelte. Anlass war der Rekord von 951 Wegweisungen, die die Stadtpolizei für 2011 gemeldet hatte – fast doppelt so viele wie 2010 (529) oder fast zwanzig Mal mehr als 2006. Eine erstaunliche Zahl für eine eher ruhige Stadt ohne grössere Drogen­szene. Im Vergleich dazu liegen die Zahlen in der Stadt Bern tiefer. 2010 meldete die Kantonspolizei 414 Wegweisungen, davon 359 wegen Betäubungsmitteln. 2011 wurden 564 Wegweisungen gezählt, 350 betrafen wiederum den Betäubungsmittelbereich. Den Kontrapunkt setzt die Stadt Luzern. Dort waren es laut Kantonspolizei 2010 lediglich 6 Wegweisungen, im Jahr darauf 52. Es wird klar, dass es weiterhin Sache der politischen Prioritätensetzung ist, wie oft und warum Leute weggewiesen werden. In der Stadt Zürich wird dazu gar keine Statistik geführt. Einen Mengenrekord kann Zürich allerdings verzeichnen: Am 1. Mai 2011 erklärte die Polizei ein grosses Gebiet des Kreises 4 zur Sperrzone und verhaftete 542 Personen, viele erhielten eine Wegweisung für 24 Stunden.

Inzwischen sind Wegweisungen in den meisten kantonalen Polizeigesetzen verankert, sie gehören auch zu den Massnahmen, die das Hooligan-Konkordat beschlossen hat. Fortgeschickt werden Drogen- oder Alkohol­abhängige, Obdachlose, Flüchtlinge – oder Fussballrandalierer. Nicht zufällig ist es die Stadt St. Gallen, die diese Politik einen Schritt weitertreibt. Eine grosse Zahl der Wegweisungen (529 von 951) galt 2011 nicht mehr für einen bestimmten Platz oder ein Quartier, sondern gleich für das ganze Stadtgebiet. Das bedeutet die Rückkehr zur mittelalterlichen Stadt mit Mauern und Toren, zu denen unliebsame Personen herausspediert werden, damit die Bürgerinnen und Bürger in Ruhe schlafen können.
http://www.woz.ch/1217/wegweisungen/der ... re-staedte

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bebop
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Re: wir schweizer lassen fast alles mit uns machen

Beitrag von bebop » 13 Sep 2013, 21:55

...Und doch ärgern sich die Überarbeiteten. Der folgende Artikel nennt interessante Zahlen zum Volumen der Arbeit, die Unternehmer gratis erhalten.

Personalchefs drohen Strafverfahren
Aktualisiert um 07:56 110 Kommentare

Bei jedem sechsten Angestellten wird die Arbeitszeit nicht erfasst, was illegal ist. Bislang kam es aber selten zu Anzeigen und damit auch kaum zu Strafverfahren. Doch jetzt schlägt der Bankpersonalverband zu.

Bild
Bei über einer halben Million Beschäftigten wird die Arbeitszeit nicht erfasst. Die Patrons und Personalchefs könnten dafür bestraft werden.

Mehrere Hunderttausend Arbeitsverhältnisse verstossen in der Schweiz gegen das Gesetz. Dieses verlangt nämlich, dass die Angestellten ihre Arbeitszeit genau erfassen. Davon ausgenommen wären nur Geschäftsleitungsmitglieder, Wissenschaftler und Künstler. Tatsächlich wird aber bei jedem sechsten Angestellten die Arbeitszeit nicht festgehalten, wie eine Untersuchung im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) ergeben hat. Für diese Mitarbeiter gilt in der Regel die sogenannte Vertrauensarbeitszeit. Sie müssen nicht eine bestimmte Arbeitszeit absitzen, sondern erledigen die vereinbarten Arbeiten. Vor allem im Dienstleistungssektor und bei Kadern ist dies gelebte Praxis.

Bei rund vier Millionen Schweizer Beschäftigten macht dies über eine halbe Million Gesetzesbrüche – was für die verantwortlichen Patrons und Personalchefs unangenehm werden kann. Kommt es nämlich zu einem Strafverfahren, müssen sie den Kopf hinhalten. Das Unternehmen selbst kann als juristische Person nicht strafrechtlich verfolgt werden.

«Ein Zeichen setzen»

Das Arbeitsgesetz sieht Strafen bis zu 180 Tagesansätzen vor, wobei die Personalchefs bis anhin wenig zu befürchten hatten. Weil nämlich kaum jemand klagte, wurde auch kaum jemand fürs Nichteinhalten der Zeiterfassung verurteilt. Jetzt aber hat der Schweizerische Bankpersonalverband (SBPV) eine erste Anzeige erstattet – gegen den Schweizer Hauptsitz der US-Investmentbank Goldman Sachs (TA von gestern). Das Zürcher Amt für Wirtschaft und Arbeit hat bereits eine entsprechende Kontrolle durchgeführt und wertet nun die erhobenen Daten aus.

SBPV-Direktorin Denise Chervet ist nicht bekannt, dass ihr Verband zuvor je eine solche Anzeige eingereicht hätte. Doch nun wolle man «ein Zeichen setzen». Fünf Jahre lang habe man versucht, mit den Arbeitgebern eine Lösung zu finden. Passiert sei nichts. «Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann hat seine Verantwortung nicht wahrgenommen», ärgert sich Chervet.In der Tat sucht das Seco schon seit längerem eine Lösung – unter Einbezug der Sozialpartner. Die Arbeitszeiterfassung soll «zeitgemäss» ausgestaltet werden, und gewisse Gruppen will man von der Erfassungspflicht befreien. Doch einen ersten Vorschlag lehnten im Herbst 2012 sowohl die Arbeitgeber als auch die Arbeitnehmer ab. Das Seco hatte beantragt, bei Angestellten mit über 175 000 Franken Jahreslohn kein Erfassen der Arbeitszeit mehr vorzuschreiben. Den Gewerkschaften war diese Limite zu tief, den Arbeitgebern zu hoch. Jetzt arbeiten Schneider-Ammanns Leute an einem zweiten Versuch.

Balz Stückelberger, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands der Banken, ist daher irritiert, dass der Bankpersonalverband «am Vorabend der neuen Lösung ein Exempel statuieren will, nachdem man Jahrzehnte lang zugeschaut hat». Dies sei nicht im Sinn einer konstruktiven Diskussion.

Chervet hingegen sagt: «Wir werden sehen, wie sich die Sache entwickelt, und behalten uns weitere Anzeigen vor.» Sie würde es begrüssen, wenn auch Arbeitnehmervertreter anderer Branchen Anzeigen erstatten würden. Beim Kaufmännischen Verband (KV) winkt man aber ab. Erst wolle man den neuen Vorschlag des Seco abwarten, der noch in diesem Herbst vorliegen soll. «Eine Anzeige ist unserer Ansicht nach nicht das richtige Instrument, wenn man sich im Dialog befindet», sagt Karin Oberlin, die beim KV für die Sozialpartnerschaft zuständig ist. Bis anhin habe man noch nie eine Anzeige eingereicht.

Ab 2014 mehr Kontrollen

Auch die Mediengewerkschaft Syndicom ist in der Vergangenheit nicht vorstellig geworden, um die oft langen und unerfassten Arbeitszeiten der Journalisten anzuzeigen. Die Mitglieder hätten dies bislang nicht gewünscht, so Syndicom-Sprecher Bruno Schmucki. Im Druckbereich hingegen habe man schon wegen unkorrekter Schichtregeln geklagt.

Auf Anzeige hin – auch wenn sie von einer Einzelperson stammt – würden die Arbeitsinspektoren in allen Bereichen aktiv, sagt Peter Meier, der beim Kanton Zürich fürs Einhalten der Arbeitsbedingungen zuständig ist. Ansonsten kontrolliere man in erster Linie Branchen mit hohen Unfallkosten – etwa Garagen, Spitäler und Küchen.

Ab 2014 will das Seco aber einen Schwerpunkt auf «psychosoziale Risiken» setzen. Dann werde man bei Banken und Versicherungen vermehrt Stichproben machen, sagt Meier. Denn das Einhalten der Arbeitszeit sei ein wichtiger Faktor gegen psychosoziale Risiken. Das entsprechende Instrumentarium hat das Seco allerdings noch nicht ausgearbeitet.

Wird ein Unternehmen ertappt, das die Arbeitszeiten seiner Mitarbeiter nicht korrekt erfasst, liegen die effektiv verhängten Strafen für die Verantwortlichen in der Regel weit unter dem Höchstansatz von 180 Tagessätzen. Unangenehmer sei für die Personalchefs das Verfahren an sich und eine allenfalls damit verbundene Publizität, so Meier. Beim ersten Mal würden sie in der Regel ohnehin nur ermahnt. Genauso handhabt es der Kanton Bern, wie Arbeitsinspektoratsleiter Roland Schlup erklärt.

Um das Gesetz der Praxis anzunähern – und umgekehrt –, seien die Arbeitgeber zu Zugeständnissen bereit, sagt Balz Stückelberger vom Arbeitgeberverband der Banken. Er könnte sich zum Beispiel vorstellen, nicht mehr zu erfassen, von wann bis wann jemand gearbeitet hat, sondern nur noch wie lange. Und notiert werden müssten nur Abweichungen von der täglichen Norm. Auch eine Lohngrenze sei wohl nicht vermeidbar, glaubt Stückelberger. So soll künftig vermieden werden, dass das Gesetz gleich hunderttausendfach verletzt wird. (Tages-Anzeiger)
http://www.derbund.ch/wirtschaft/Person ... y/21694262

Die staatlichen Kontrollbemühungen nehmen ja nicht mal ihre Befürworter ernst. Also wird wohl einfach so weitergemacht.
"Um das Gesetz der Praxis anzunähern – und umgekehrt –, seien die Arbeitgeber zu Zugeständnissen bereit, sagt Balz Stückelberger vom Arbeitgeberverband der Banken." Jaja... d:o
Arroganz ist die Kunst, auf die eigene Dummheit stolz zu sein.

Kuddel
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Re: wir schweizer lassen fast alles mit uns machen

Beitrag von Kuddel » 06 Apr 2018, 12:48

Besserung?
Kein Land ohne Arbeitskämpfe
In der Schweiz wird wieder gestreikt. Nach Jahrzehnten des Stillhaltens entwickelt sich ein neues Selbstbewusstsein der Beschäftigten und ihrer Gewerkschaften

Von Johannes Supe

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Sie kämpfen wieder: Die Schweizer Belegschaften lassen sich die vielen Zumutungen der Chefs nicht mehr gefallen

Manche Streikgeschichten können sich deutsche Kolleginnen und Kollegen kaum vorstellen. Zu phantastisch mutet es etwa an, wenn Bauarbeiter mit nur einem einzigen Tag Ausstand ihr Rentenalter um fünf Jahre senken – von 65 auf 60. Doch genau so hat es sich im kleinen Nachbarland Schweiz zugetragen. Unzufrieden damit, sich den Rücken krumm zu schuften, bis der verdiente Ruhestand nicht mehr ohne Schmerzen genossen werden kann, legten die Arbeiter Kellen und Schaufeln beiseite. Da das den Chefs, denen man das Zugeständnis abtrotzen wollte, noch nicht genug Angst machte, legten die Kollegen noch eins drauf. Tausende von ihnen blockierten den Bareggtunnel, einen zentralen Verkehrsknotenpunkt. Nichts fuhr mehr, der Unternehmerverband geriet in Panik – und knickte einen Tag darauf ein. Geschehen ist das zu Beginn des neuen Jahrtausends. Der Ausstand sollte ein Wendepunkt in der zuvor trüben Geschichte der Arbeitskämpfe des Landes werden.

Der Mythos von einer Schweiz ohne Streik begann sich aufzulösen. Mancher, wie Andreas Rieger, früherer Chef von Unia, der größten Gewerkschaft des Landes, hält ihn bereits für erledigt. Denn schon seit Ende der 90er Jahre nimmt die Zahl der Arbeitskämpfe im Land wieder zu, Belegschaften und ihre Verbände wehren sich häufiger. Von dem Prozess will diese Beilage berichten.

Noch immer sind die Bauarbeiter – sie selbst bezeichnen sich als »Büezer« – umtriebig, machen ihren Chefs Probleme. Zum Glück. Ginge es nach den Unternehmern, würde es auch diesmal keine Lohnerhöhung geben, so wie in den Jahren zuvor. Weshalb es nun anders wird, davon berichtet Ralph Hug, der für die Unia-Zeitung Work die Branche seit Jahren begleitet. Seine Einschätzung: »Der nächste Sommer könnte auf den Baustellen heißer werden als sonst.«

Doch nicht nur unter den Arbeitern regt sich immer größerer Unmut. Auch in Bereichen, von denen man das bislang nicht kannte, wird heute wieder der Arbeitskampf geführt. Die Schweizer Journalistin Patricia D’Incau schreibt von den Beschäftigten der Nachrichtenagentur SDA, die sich mit Streiks gegen geplante Entlassungen im Unternehmen wehren.

Solche Kämpfe zeigen, wie langsam ein neues Selbstbewusstseins der Belegschaften entsteht – und zwar eines, das an die durchaus streikreichen Zeiten im Land anknüpft. An die erinnern Tarek Idri und Florian Sieber. Ihr Artikel gleicht einer Spurensuche: Welche Traditionen besitzt die Arbeiterbewegung im Land? Und weshalb wurden sie aufgegeben? Soviel sei vorweggenommen: »Arbeitsfrieden« und »Sozialpartnerschaft« entstanden auch in der Schweiz nicht einfach so, vielmehr mussten sie mit Gewalt durchgesetzt werden. Gewünscht wurde das vom Kapital, in die Tat umgesetzt aber auch von den Spitzen in Sozialdemokratie und Gewerkschaften.

Gerade letztere mussten dafür einen hohen Preis zahlen. Nach Jahrzehnten der Demobilisierung standen die Gewerkschaften den Angriffen der Unternehmer, die in den 90er Jahren erfolgten, weitgehend wehrlos gegenüber. Zehntausende Beschäftigte verließen in der Folge ihre Verbände.

Die Beschäftigtenorganisationen scheinen daraus etwas gelernt zu haben. Zwar finden im internationalen Vergleich noch immer wenig Streiks statt, doch bisweilen werden die Auseinandersetzungen mit erstaunlicher Energie geführt. Aus dem Zusammenschluss verschiedener Verbände entstand mit der Unia eine Gewerkschaft, deren Selbstverständnis um ein Wort kreist: kämpferisch. Andreas Rieger, der der Organisation früher vorsaß, fasst die Entwicklung so zusammen: »Wir wollen nie wieder in eine Situation geraten, in der wir die Angriffe auf die Beschäftigten wehrlos hinnehmen müssen.« Es ist ein Vorsatz, den sich auch deutsche Gewerkschaften zu Herzen nehmen sollten.
https://www.jungewelt.de/beilage/art/329304

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